"Das kleine deutsche Mädchen Edith ist nicht mehr"


Mit ihren schmalen Augen, die stets ein wenig zu blinzeln scheinen, den schlanken Lippen und ihrem lebhaften Ausdruck erinnert die Frau, die mir gegenüber sitzt, an die Schauspielerin Shirley McLaine. Eine Ähnlichkeit, die nicht zum ersten Mal bemerkt wird, gesteht sie geschmeichelt ein. Esther Hocherman kehrt im Spätsommer 2004 zum ersten Mal in ihre frühere Heimatstadt zurück, aus der sie als siebenjähriges Kind fliehen musste. Ralf Piorr begleitet sie auf dem Spaziergang durch die Straßen ihrer Kindheit.

Der Abschied erfolgte an einem grauen Februartag 1939. Edith Jankielewitz wurde von ihrer Mutter zum Bahnhof gebracht und in einen Zug gesetzt. „Kindertransport“ hieß das zu jener Zeit, und es war für jüdische Kinder die letzte Chance, aus dem nationalsozialistischen Deutschland heraus zu kommen. „Der Zug fuhr an und meine Mutter lief auf dem Bahnsteig hinterher. Ich guckte mich noch ein letztes Mal um, das war es!“ - beschreibt sie den Abschied, von dem damals niemand ahnte, dass es ein endgültiger sein sollte.

In Israel arbeitet die agile 73-jährige als Fremdenführerin und ist es daher gewohnt, mit fremden Menschen an fremden Orten umzugehen. Hier in Herne haben sich die Rollen vertauscht. Ich begleite Esther Hocherman auf ihrer Spurensuche zurück in eine Zeit, als sie noch Edith hieß und die kleine Tochter von Chaim und Rosa Jankielewitz war. Wir spazieren durch die belebte Fußgängerzone und Frau Hocherman reibt sich mehr als einmal verwundert die Augen. Früher seien die Häuser alle schwarz und hässlich gewesen, heute dagegen ganz schmuck, stellt sie sichtlich überrascht fest. Dabei hatte sie in ihrem ersten Brief an den Oberbürgermeister ausdrücklich nachgefragt, ob es hier überhaupt ein Hotel gäbe. Einen imposanten Eindruck hatte „dieses kleine schwarze Loch“, wie sie die Stadt aus ihrer Erinnerung heraus schmunzelnd bezeichnete, auf die damals Siebenjährige also nicht hinterlassen.

Damals in der Viktor-Reuter-Straße 42

Wir nähern uns der Viktor-Reuter-Straße 42, und vieles scheint wie früher, als die Straße noch Kaiser-Wilhelm-Straße hieß. Ihr altes Wohnhaus steht mit frisch renovierter Fassade wie eh und je, aber auf den Klingelschildern ist kein bekannter Name mehr zu entdecken. „Da oben“, sagt Esther Hocherman und zeigt auf den 2. Stock, „dort habe ich mein Leben gehabt zwischen den Fenstern. Zur Straße hin habe ich die anderen Kinder beim Spielen beobachtet. Mitspielen durfte ich nicht mehr. Alle wussten, dass ich Jüdin bin, und hatten mich abgeschoben. Und von diesem Fenster dort“, griff sie ihren Faden nach einem kurzen Gang in den Hinterhof wieder auf, „habe ich auf das Mädchengymnasium (heute: Haranni-Gymnasium) geschaut. Meine Mutter sagte zu mir: ‚Edith, du bist ein kluges Mädchen und eines Tages wirst du auf diese Schule gehen’.“

Von diesem Fenster aus nahm Esther Hocherman auch eines Morgens eine Veränderung wahr, die das Ende ihrer Kindheit endgültig besiegeln sollte: „Ich stehe an diesem Morgen auf und wasche mich und putze mir die Zähne. Wie jedes Mal schaue ich aus dem Hoffenster, um mir den goldenen Davidstern auf der Kuppel der Synagoge an der Schäferstraße anzusehen. Aber an diesem Morgen war er seltsamerweise verschwunden und ich rief meinen Vater: ‚Papa, man sieht den goldenen David nicht mehr!’“ Es war der 10. November 1938, der Tag nach der Reichspogromnacht, die auch in Herne einen noch brutalere Zeit des Judenhasses einleiten sollte.

Erinnerung und Distanz

Langsam gehen wir zurück zum Robert-Brauner-Platz, an dem früher das Haus Bahnhofstraße 57/59 stand, das von den Nazis zum ‚Judenhaus’ bestimmt wurde. Von hier gingen die Transporte der Juden nach Dortmund und damit in die Ghettos und Konzentrationslager des Ostens ab. Auch Esther Hochermans Eltern wurden von hier aus am 23. Januar 1942 in das Ghetto Riga deportiert und schließlich 1944 im KZ Stutthof ermordet. Heute erinnert hier nichts mehr an das, was damals mitten im Zentrum der Stadt geschah. Ein Bierzelt, ein Crèpes-Wagen und ein paar andere Verkaufsstände überlagern die Vergangenheit. „Die Rückkehr nach Herne war keine leichte Entscheidung“, bemerkt sie, „ich habe nicht umsonst so lange damit gewartet.“

Esther Hocherman zeigt mir die Fotos, die von ihrer Familie geblieben sind. „Sehen Sie dieses Bild: Mein erster Schultag 1937. Dieses Mädchen mit ihrer bestickten, gestärkten und gebügelten Schürze, die Schleife im Haar und diese weißen Strümpfe mit den Bommeln: alles ganz deutsch.“ Sie lächelt dabei, ein wenig traurig, ein wenig bitter, als ob darin der ganze Irrtum des assimilierten deutschen Judentums liegt, noch lange Zeit während der NS-Herrschaft zu glauben, trotz allem beim deutschen Kulturvolk sicher zu sein. „Aber das kleine deutsche Mädchen Edith ist nicht mehr!“, sagt sie und legt das Bild entschieden beiseite. Wir schweigen und für diese Sekunde trennt uns die Geschichte: Sie ist eine Jüdin, ich bin ein Deutscher, gewollt oder nicht.

Der Moment der Distanz geht vorüber. Wir schlendern langsam zurück zu ihrem Hotel. Ich frage sie, ob ihr Vorname eigentlich eine Übertragung von Edith ins hebräische sei? „Nein“, antwortet sie, „den habe ich mir selbst ausgesucht. Ich kam mit zwölf Jahren nach Israel und hörte die biblische Geschichte der tapferen Königin Esther, die viel für ihr jüdisches Volk getan hatte. Das hat mir sehr imponiert, und ich habe mich für diesen Namen entschieden, denn ich wollte meinen deutschen Namen nach all dem, was passiert war, ablegen und etwas Neues beginnen.“