Ermordet in der Bittermark

riedrich Schrage mit Frau und drei Kindern in ihrem Schrebergarten, Mitte der 1930er Jahre.
Der Wanne-Eickeler Arbeiter Friedrich Schrage wollte im November 1944 nicht mehr an den „Endsieg“ glauben. Bekannte denunzierten ihn bei der Gestapo. Im März 1945 wurde er in der Dortmunder Bittermark ermordet.

Ein November-Nachmittag im Jahr 1944: In der Saarstraße, dem heutigen Kuckucksweg, in Holsterhausen ist gerade Kohle angeliefert worden. Die Männer machen sich an die Arbeit, sie in den Keller zu schaufeln. Einige Frauen kommen hinzu. Feierabendstimmung. Natürlich wird auch über den Krieg gesprochen. Wenige Tage zuvor ist bei einem Bombenangriff die nahe gelegene Kirche zerstört worden, an der Pfarrer Ludwig Steil, ein führendes Mitglied der „Bekennenden Kirche", bis zu seiner Verhaftung gepredigt hatte. Längst ist der Krieg in das Land zurückgekehrt, von dem er ausgegangen ist: die Bomben der Alliierten fallen auch auf Wanne-Eickel und jeden Tag sind in diesem Kriegswinter, neue Opfer zu beklagen: „Gefallen an der Ostfront.“ Doch es gibt immer noch Unverbesserliche, die an den großspurig angekündigten „Endsieg" glauben. Auch an diesem Nachmittag in der Saarstraße. Da reißt einem Mann der Geduldsfaden: „Ihr Idioten, den Krieg haben wir doch längst verloren! Guckt euch bloß mal hier um, bald ist alles im Arsch. Und euer Adolf sitzt schön warm in seinem Führerbunker, dem verdanken wir doch den ganzen Schlamassel!"
Der Mann, der seiner Empörung Luft macht, ist der Wanne-Eickeler Friedrich Schrage. Dabei ist seine konkrete Äußerung nicht überliefert. Sicher ist nur, dass er am 18. November 1944 in seiner Wohnung „wegen Verbreitung der Meinung über die Aussichtslosigkeit des Krieges und Beleidigung Hitlers“ von der Gestapo abgeholt wird. Eine Nachbarin soll ihn verpfiffen haben.
Wer war Friedrich Schrage? Ein einfacher Arbeiter, Schmelzer beim Schalker Verein und „unabkömmlich“ gestellt. Er war kein „Politischer“ und mit dem NS-Regime noch nie in Konflikt geraten. Seine Schwiegertochter hat ein altes Foto aufbewahrt, das die Familie in dem heute noch bestehenden Schrebergarten „Eigene Scholle“ an der Dorstener Straße gegenüber dem Sassenhof zeigt. Während der Kriegszeit half der Schrebergarten über manchen Versorgungsengpass hinweg. In der Gartenlaube hörte er auch heimlich ausländische Radiosender, wahrscheinlich BBC, was in Nazi-Deutschland strengstens verboten war. Auch dieses „Vergehen" hatten denunzierende „Volksgenossen“ der Gestapo zugetragen.  
  • Das Mahnmal in der Dortmunder Bittermark. Hier wurde Friedrich Schrages Leiche am 21. April 1945 gefunden.
    Das Mahnmal in der Dortmunder Bittermark. Hier wurde Friedrich Schrages Leiche am 21. April 1945 gefunden.

Normalerweise wäre Schrage für sein illegales Radiohören und die Schimpferei mit zwei bis drei Jahren Zuchthaus davongekommen. Doch es sollte schlimmer enden. Nach seiner Verhaftung blieb er zunächst in Bochum. Von der Gestapo wurde er mit Schlägen und Tritten misshandelt, wie Mitgefangene später berichteten. Mitte März 1945 verlegte man ihn zur Gestapo nach Dortmund-Hörde. Von dort gab es kein zurück. Friedrich Schrage wurde Opfer der „Dortmunder Ostermorde“ in der Bittermark. Zwischen dem 7. März und dem 12. April 1945 brachte dort die Gestapo etwa 300 Menschen um – zumeist Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene und deutsche Widerstandskämpfer, die aus dem Hörder Gestapokeller und der Steinwache in den Rombergpark und in die Bittermark verschleppt und dort erschossen wurden.


Am 13. April 1945 marschierten die amerikanischen Truppen in Dortmund ein. Friedrich Schrages Leiche fand man am 21. April 1945. Wahrscheinlich wurde er als einer der letzten erschossen. Die Nachricht von seinem Tod löste in der Familie Entsetzen aus. Seine Frau war nicht in der Lage, zur Identifizierung nach Dortmund zu fahren. Freunde erledigten das. Die Witwe erholte sich von diesem Schlag nie mehr, wie ihre Schwiegertochter erzählte, und starb früh.
Die Verantwortlichen für diese Morde waren allein in Dortmund zu suchen, Anweisungen aus Berlin hat es mit Sicherheit nicht gegeben, da zu dieser Zeit keine Nachrichtenverbindungen mehr bestanden. Keines der Opfer war vorher verurteilt worden. Doch im Rombergparkprozess 1952 überwogen die Freisprüche für die Verantwortlichen, die Strafen betrugen meist nur wenige Monate. Die Kinder Schrages erhielten eine bescheidene Entschädigung.

(Der Text über Friedrich Schrage wurde 1990 von Frank Braßel verfasst und von Ralf Piorr überarbeitet.)