Gedenken als Aufgabe

Kenneth und Esther Ellington bei der Gedenkveranstaltung in der Erich-Fried-Gesamtschule, April 2008. (Foto: Bildarchiv/Hoffmann)
Kenneth Ellington hieß früher Kurt Eisenberg. 1938 glückte dem gebürtigen Röhlinghauser im Alter von 15 Jahren mit einem Kindertransport die Ausreise nach England. Es war seine Rettung. Seine Eltern sollte er nicht wiedersehen. Walter und Lucie Eisenberg wurden 1944 in Auschwitz ermordet. Im April 2008 kehrte der mittlerweile 85jährige mit seiner Frau Esther nach Herne zurück. Als Betroffener und Zeitzeuge hält Kenneth Ellington bei der Einweihung der Gedenktafel für die Kindertransporte eine Rede, die im folgenden (leicht gekürzt) dokumentiert wird.

Es ist gar nicht so leicht, vor Ihnen zu stehen und plötzlich eine Rede in einer Sprache zu halten, die zwar meine Muttersprache ist, deren Gebrauch mir aber nun nicht mehr so geläufig ist als in der Vergangenheit. Ich muss Sie daher bitten, meine gelegentlichen grammatikalischen Fehler zu übersehen.

Diese Ansprache ist nun die dritte Version. Der erste Versuch erschien mir zu ungeschickt, zu schwerfällig. Vielleicht weil ich mich erst wieder daran gewöhnen musste, ein Schriftstück in deutscher Sprache abzufassen. In dem zweiten Anlauf wollte ich auch ein paar Worte über die schrecklichen Einzelheiten des Holocausts sagen.

Als ich aber die Rede meiner Frau vorlass, schüttelte sie energisch den Kopf und riet mir, diesen Teil auzulassen. Sie meinte nicht nur, dass es zu schmerzlich gewesen wäre, alle diese Erinnerungen wieder in unser Gedächtnis zurückzurufen, und dass ich in Gefahr sei, dabei meine Haltung zu verlieren, sondern sie bemerkte auch, dass dies alles nicht notwendig sei, denn Sie, meine Damen und Herren, wüssten das, was ich dort berührt hätte, selbst sehr genau, sonst wäre es ja nie zu dieser Gedenkfeier gekommen. Vor allem aber möchte ich zuerst, und nachdrücklich konstatieren, dass ich nie der Ansicht war, dass man die heutige Generation für die Untaten, die in jener Zeit verübt wurden, verantwortlich machen kann.  

Natürlich trauerte ich meinen Eltern nach. Es verging kein Tage, an dem ich nicht an sie dachte. Aber bei dieser Trauer dachte ich weniger an das Schreckensschicksal, das ihnen widerfahren war. Meine Trauer war von einer viel egoistischeren Art. Ich bedauerte, dass sie mich nicht als erwachsenen Sohn gekannt hatten. Ich wollte, dass sie meine Frau und meine Kinder gekannt und geliebt hätten. Ich wollte, dass sie die Freuden von Grosseltern geniessen konnten. Ich wollte ihnen beweisen, dass ich trotz allem einen ordentlichen Beruf erlernt hatte und in ihm einige bescheidene Erfolge erlangen konnte.


Und es kam mir zum Bewusstsein, dass ich in meinem Leben dem Holocaust nicht genügend Interesse gewidmet hatte. Dass zum Beispiel mancher von Ihnen ein weit grösseres Wissen über dieses Ereignis hat als ich, der direkt darin verwickelt war. Und je mehr ich über diesen Mangel nachdachte, um so klarer wurde mir, dass es für dieses Ereignis keine allgemein anerkannte Erklärung gibt.

Wenn man das Wort “Holocaust” in die Suchspalte der Suchmaschine “Google” setzt, gibt diese 363.000 Hinweise in der anglo-amerikanischen Sprache und 1.750.000 in der deutschen. Ich habe die ersten 100 Artikel in jeder der beiden Sprachteile kurz gemustert. Man findet dort viele Einzelheiten. Die Rede ist von Antisemitismus, von Rassenwahn, von Wirtschaftskrisen, von den Folgen des Ersten Weltkriegs, vom Mangel an Zivilcourage und von vielem mehr. Aber ich suchte vergebens nach einem “wissenschaftlichen” Historiker, der im Stande gewesen wäre, einen Schritt nach rückwärts zu tun, um dieses komplizierte Ereignis einmal als Ganzes zu betrachten. Ein Gelehrter, der vielleicht die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Wurzeln des Holocausts hätte darlegen können und der dann aufgrund seiner Analysen mit einer neuen historischen Entwicklungsthese vor die Öffentlichkeit getreten wäre.

Der Schriftsteller Elie Wiesel, selbst Überlebender des Holocausts, schrieb einmnal: “Der Holocaust verneint alle Antworten. Er liegt ausserhalb der Geschichte, wenn auch nicht jenseits von ihr. Er widersteht jedem Wissen sowie jeder Beschreibung. Er wird niemal verstanden werden, weder im konkreten noch im abstrakten Sinn.” Ein Physiker oder ein Ingenieur, vor diese Aufgabe gestellt, hätte an erster Stelle versucht, sich ein Modell auszudenken. Mit Hilfe dieses Modelles hätte er Berechnungen angestellt – und mit einem bischen Glück wäre er vielleicht zu der Entdeckung einer neuen Einsicht oder gar eines neuen Natugesetzes gekommen. 
  • Kenneth Ellington vor seiner alten Schule – begleitet von Sascha Rutzen, Michèle Schnarre, Lehrerin Kathrin Nelles, Till Weuder und Henning Hartmann.
    Kenneth Ellington begleitet von Sascha Rutzen, Michèle Schnarre, Lehrerin Kathrin Nelles, Till Weuder und Henning Hartmann.

Sie, meine lieben Zuhörer, werden einwenden, dass das menschliche Geschehen keiner Maschine gleicht und kein Mechanismus ist. Noch viel weniger ein Modell, dass sich zu Berechnungen eignet. Dazu ist das Menschengeschehen viel zu kompliziert. Zu viele seiner Komponenten greifen ineiander und beeinflussen sich gegenseitig in einer Art und Weise, die keiner rechnerischen Deutung unterliegt. Und Sie hätten mit Ihrem Einwand Recht. Aber gerade weil wir keine verlässliche Erklärung über dieses so überaus komplizierte Phänomen haben, können wir nie wissen, ob es sich nicht eines Tages wiederholen wird. Nicht unbedingt in Deutschland, sondern in irgend einer anderen Gegend unseres Planeten. Und Flüchtlingsströme, ethnische Säuberungen, Vertreibungen, Massenmorde geschehen leider immer noch jeder Zeit rund um den Erdball.

Von daher ist es um so wichtiger, alles daranzusetzen, dass es nie wieder zu einem solch Unbegreiflichen kommt. Zu dieser Aufgabe haben Sie, liebe Zuhörer, der Rat der Stadt Herne, die Schulen mit ihreren Schülern und ihrer Lehrerschaft, durch die Errichtung der vielen Gedenktafeln, durch das Schreiben von historischen Betrachtungen und durch Ihre Anwesenheit hier am heutigen Tag das Ihrige beigetragen.

Mir erscheint aber noch viel wichtiger, dass der Gedanke einer Aufarbeitung der Vergangenheit so vielen von Ihnen zum Leitwort geworden ist. Sie haben, fast unabhängig voneinander, das gleiche Empfinden erlangt, nämlich, dass diese traurige Geschichte nicht ohne Zurückdenken, nicht ohne Erinnerung, nicht ohne Warnung in den Hintergrund verdängt werden darf, und das muss auch von uns Überlebenden der Schoah - selbst jenen mit den schmerzlichsten Erinnerungen - dankbar anerkannt werden. 

Kenneth Ellingtons Erinnerungen finden sich in:
Ralf Piorr, Eine Reise ins Unbekannte
Ein Lesebuch zur Migrationsgeschichte in Herne und Wanne-Eickel, Klartext Verlag, Essen 1998