Heidelandschaft mit Massengräbern

Im Rahmen einer Gedenkinitiative beschäftigt sich das Herner Kinder- und Jugendparlament (KiJuPa) mit den Hintergründen der Verfolgung der Juden im nationalsozialistischen Deutschland. Es stand eine Fahrt zur Gedenkstätte des KZ Bergen-Belsen an. Kein alltäglicher Ausflug für die 18 Kinder- und Jugendlichen zwischen elf und 22 Jahren. Ein Reisebericht von Ralf Piorr.


Ein Besuch des Kinder- und Jugendparlaments in der Gedenkstätte Bergen-Belsen

Es liegt eine drückende Hitze über der planen Heidelandschaft. Nur wenige Menschen sind zu sehen. Die scheinbare Idylle wird nur durch etliche über das Gelände verstreute und in Kniehöhe ummauerte Erhebungen der Erde durchbrochen. Die Gruppe des Herner KiJuPa bleibt vor den Feldern stehen. Alte in den Stein gehauene Buchstaben verkünden: „Hier liegen 1.000 Tote“, „Hier ruhen 800 Tote“ etc. „Es ist kaum vorzustellen, was hier einmal war“, sagt Mandy Roheger angesichts der Massengräber auf dem Lagergelände des ehemaligen KZ Bergen-Belsen und blinzelt dabei etwas verlegen in die strahlende Sonne.

In Bergen-Belsen gab es keine Gaskammern. Mangelernährung, verseuchtes Trinkwasser, Fleckfieber und Typhus erledigten die mörderische Arbeit für das deutsche Wachpersonal. Allein zwischen Anfang Januar und Mitte April 1945 sind im „Inferno Belsen“ mehr als 35.000 Menschen ums Leben gekommen. Von den alten Baracken ist nichts geblieben. Aber immer wieder bleibt die Herner Gruppe stehen, um über das Verlesen von Texten und historischen Erläuterungen das einstige Lager wieder „sichtbar“ zu machen.

„Das Sterben ist ganz einfach, die Atemzüge hören auf, einmal bei dem, dann bei jenem. Lebende und Tote, alles vermischt. Es gibt fast keinen Unterschied zwischen den einen und den anderen“, lautet eine Passage aus dem Tagebuch einer Überlebenden.

Die Worte hören sich hier an dem Ort, an dem es passierte, noch ganz anders an, als wenn ich den Text zu Hause lesen würde. Es ist authentischer und eine bedrückende Erfahrung“, bekennt Darius Ribbe. Einige Meter weiter steht ein Grabstein für Anne Frank, umringt von vielen Blumen und persönlichen Worten verfasst von Besuchern des Lagers, der symbolisch auf einem Massengrabfeld errichtet wurde. „Als Anne Frank hier im März 1945 starb, war sie gerade 15 Jahre alt. So wie ich“, stellt Nathalie Springer fest und schweigt.

  • Nathalie Springel, Mandy Roheger, Janina Schwiderski und Darius Ribbe vor der Innenschrift auf dem Gelände des Konzentrationslager Bergen-Belsen.
    Nathalie Springel, Mandy Roheger, Janina Schwiderski und Darius Ribbe auf dem Gelände des Konzentrationslagers.

Im neuen Dokumentationszentrum von Belsen löst sich die Gruppe auf. Jeder geht seinen eigenen Weg, beschäftigt sich mit den historischen Dokumenten, lauscht per Video den Erinnerungen von Überlebenden oder sieht sich die erschütternden Filmsequenzen an, die britische Kameramänner unmittelbar nach der Befreiung des Lagers im April 1945 aufgenommen haben.

Nach fast drei Stunden auf dem Gelände zeigt sich auch Norbert Gresch, Organisator des KiJuPa, von der Gesamtkonzeption der Gedenkstätte beeindruckt: „Das Gelände, das Gebäude und die Ausstellung bilden eine eindrucksvolle Einheit. Dadurch wird das historische Lager für den Besucher inhaltlich erschlossen und wirklich wieder begreifbar.“ Gerade in der Arbeit mit Kinder- und Jugendlichen hält er es für besonders wichtig, dass in der Ausstellung vielen Einzelschicksale rekonstruiert werden. „Aus der schreckliche Anonymität der ermordeten Masse lösen sich so Biografien von Menschen heraus, die kaum anders waren als wir heute“, so Gresch.

Am Ende des Gedenkprojektes steht für die Mitglieder des KiJuPa dann im Herbst die Fahrt nach Auschwitz an. Dort soll im Auftrag der Stadt Herne ein Gedenkstein hinterlegt werden. „Das wird als Erfahrung noch einmal härter, gerade weil in Auschwitz das alte Lagergelände und die Gaskammern zum Teil erhalten geblieben ist“, befürchtet Darius Ribbe. Aber für ihn lohnt sich das freiwillige Engagement in diesem Projekt allemal: „Gerade durch den Besuch an den historischen Ort vertieft sich die Beschäftigung mit dem Thema. Man spricht ja immer von einer Gedenkkultur, vom weiter tragen der Erinnerung in die nächste Generation. Ich kann jetzt schon sagen, dass ich die Eindrücke allein hier von Bergen-Belsen nicht vergessen werde.“