"Wir tragen die Verantwortung, daran zu erinnern, was geschehen ist."

Leo Schnur, Sie sind zu Gast in Herne gewesen. Wie sind ihre Eindrücke?


Leo Schnur wurde 1925 in Herne geboren. Seine Eltern Isac und Basia Schnur unterhielten ein Bekleidungsgeschäft in der Von-der-Heydt-Straße, bis der Antisemitismus der Familie die ökonomische Grundlage entzog. Leo Schnur erinnert sich an ein Erlebnis in der Bahnhofstraße:„Einmal Sonntags wollten wir in ein Kaffeehaus gehen. Da stand an der Tür ein Schild: ‚Eintritt für Juden, Hunde, Zigeuner und Neger verboten‘. Da hörte ich meine Mutter zu meinem Vater sagen: ‚Isac, wir müssen weg von hier, sonst wird es zu spät sein‘.“ Die Familie Schnur emigrierte im Juni 1936 nach Uruguay.

Im Jahr 2005 weilte Leo Schnur auf Einladung der Stadt Herne in seiner Geburtsstadt. Das Gespräch führte Ralf Piorr.


Gerade gestern habe ich in einer Zeitung hier im Hotel ein altes Bild noch aus der Zeit der Hitler-Diktatur von Herne gesehen. Der Rathausplatz war voll mit Hakenkreuz-Fahnen. Ich musste wieder an unsere Flucht aus dieser Stadt denken, an die Angst, die wir damals durchlitten. Ich erinnere mich daran, wie die Hitler-Jugend in ihren Uniformen aufmarschierte. Es war so eine dunkle Zeit. Es gab damals Schuldige und Unschuldige. Die Schuldigen waren die, die die NSDAP unterstützt und gewählt haben. Dadurch kam der Krieg. Auch Deutschland hat viele Menschen verloren, aber für das Judentum in ganz Europa kam die Katastrophe der Shoah. Und als ich dieses alte Foto sah, hat mich das alles in dem Moment berührt. Das ist nun viele Jahre her und mein Leben ist mit fast achtzig Jahren schon ‚Ende des Winters’, wie man bei uns in Uruguay sagt, aber diese Erfahrungen sind mir immer noch nah.

Heute aber kam ich in eine Stadt, die ganz anders ist. Ich traf Menschen, die ganz anders sind, junge Menschen, die damals noch gar nicht geboren waren. Diese Begegnungen bedeuten mir viel. Es ist mein Wunsch, dass sich dieses Land weiter demokratisch entwickeln kann und bei meiner heutigen Abreise aus Herne nehme ich den Glauben und das Vertrauen mit, dass es keine dunkle Zeit mehr in Deutschland geben wird.

In Deutschland gibt es seit Jahren eine Diskussion darüber, ob man nicht endlich einen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen sollte.

Wir müssen nicht jeden Tag leben mit diesen Sachen, denn wir sollten vor allem in die Zukunft schauen. Aber wir tragen die Verantwortung, daran zu erinnern, was geschehen ist. Überhaupt der jungen Generation das mitzuteilen, damit es nicht verloren geht. In 100 Jahren würde es sonst keiner mehr wissen und das wäre so, als ob es nie geschehen wäre. Meine Angst ist: Wenn man vergisst, könnte es wieder passieren. Deswegen heißt die Lehre der Erinnerung für mich, etwas für die Gegenwart zu begreifen.

Diese Gedenktafeln, die jetzt in der Bahnhofstraße stehen, halte ich für eine wichtige Sache. Sie werden von Schülern gemacht, die schon bei der Erarbeitung etwas von der Geschichte der Verfolgung und Deportation lernen können. Und in der Straße bleiben die Menschen doch davor stehen und wer will, kann lesen, was geschrieben steht. Außerdem ist es „für uns“ wichtig, dass unsere Geschichte nicht vergessen ist. Oder für meinen Sohn, der aus Israel kommt und sieht, dass man sich hier in dieser Stadt der Geschichte stellt.

Für ihre Angehörigen war der Besuch in Herne keine Rückkehr, sondern etwas Neues.

Ich selbst habe mit meinen Kindern nicht viel über meine Kindheit in Deutschland, über die Nazis und die Emigration gesprochen. Wenn dann nur mit meinem älteren Bruder Heinz, der auch noch in Uruguay lebt, und der alles mit mir zusammen erlebt hat. Wir leben viel in den Erinnerungen. Ich weiß noch, wie wir 1936 wenige Tage nach der Ankunft in Montevideo frühmorgens wieder zum Hafen schlichen, um auf irgendeinem Schiff anzuheuern, das uns nur wieder nach Deutschland bringen sollte. Zum Glück hat es nicht geklappt, und Uruguay ist dann zu unserer Heimat geworden.

Für mich war es sehr wichtig, dass meine Familie mich hier begleiten konnte, und ich glaube, sie haben jetzt noch viel mehr von meiner Geschichte begriffen. Es ist ein Unterschied, ob man Sachen erzählt bekommt, die einer erlebt hat, oder ob man die Dinge, die Angst, selbst gefühlt hat. Es hat damals lange gedauert, bis man in Uruguay die Angst von uns genommen hatte. Diese Erfahrung selbst in der eigenen Familie weiterzugeben, ist sehr schwer. Aber hier bei diesem Besuch ist mir das etwas besser gelungen. Und sie haben natürlich auch verstanden, wie sich diese Stadt verändert hat, denn zu Beginn der Reise waren sie schon etwas skeptisch über den Besuch in Herne. Mein Sohn und meine Schwiegertochter – beide leben in Israel – haben gesehen, dass hier verantwortlich mit der Geschichte umgegangen wird. Meine Frau hat vor der Reise sehr gezweifelt, aber gestern Abend hat sie zu mir gesagt: „Weißt du, ich hatte nicht viel Lust nach Herne zu kommen. Aber jetzt fahre ich weg mit einem sehr angenehmen Gefühl. Was wir hier erlebt haben, die Menschen, mit denen wir in Kontakt waren, dass war sehr wichtig.“ Man sieht und hört, dass ist ein anderes Deutschland.

Gleichzeitig existieren auch die traurigen Momente. Als wir durch die Stadt gegangen sind, haben Sie sich viel an die alten Geschäfte und Wohnhäuser jüdischer Familien erinnert, also an Menschen, von denen viele ermordet wurden.

Die „deutschen Juden“ von einst gibt es hier nicht mehr. Und die Kinder oder Enkelkinder von denen auch nicht. Von den über 600 Juden, die es in Herne gab, als wir wegfuhren, ist keiner mehr da. Auch keine Kinder von ihnen. Ich wollte hier in Herne mit meiner Familie in die Synagoge gehen, aber es gibt hier keine mehr. Als ich jung war, gab es hier eine Synagoge und eine lebendige jüdische Gemeinde mit vielen Menschen aus den unterschiedlichsten sozialen Schichten. Das alles ist unwiderruflich verloren. Das deutsche Judentum ist mit der Shoah untergegangen. Die wenigen, die überlebten, kamen nicht mehr zurück.

Auch mir kam es nach dem Krieg nie in den Sinn, wieder in Deutschland leben zu wollen. In Montevideo gibt es noch heute eine große Gruppe von deutschen Juden. Selbst deren Kinder sprechen deutsch und führen die deutschen Rituale in den Synagogen fort. Aber sie gingen nicht zurück nach Deutschland. Der Bruch war zu stark. Um jetzt zu Sabbat in die Synagoge gehen zu können, sind wir nach Bochum gefahren. Dort leben viele russische Juden, die aus einem Land kommen, wo es Verfolgung gibt und die hier auf ein besseres Leben hoffen. Das ist jetzt eine andere Geschichte. Der Gemeindevorstand will für Herne und Bochum eine neue Synagoge bauen, und auch die Stadtverwaltungen haben sich bereit erklärt, ihnen zu helfen. Es gibt also auch viele Deutsche, die wollen, dass das jüdische Leben in Deutschland weiter geht. So liegt unsere Hoffnung in der Zukunft.