Zwangsarbeit in Herne und Wanne-Eickel

Ostarbeiterinnen und Ostarbeiter vor dem Eisenbahnlager in Herne
Lange Zeit war das Schicksal der Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen während des Zweiten Weltkriegs weitgehend vergessen. Dabei hatte kaum ein Betrieb in Herne und Wanne-Eickel auf den Einsatz von Zwangsarbeitskräften verzichtet.  Der größte Fall massenhafter und zwangsweiser Verwendung von ausländischen Arbeitskräften in der Geschichte seit dem Ende der Sklaverei im 19. Jahrhundert fand zwischen 1939 bis 1945 unter der NS-Herrschaft statt. Wo immer die Wehrmacht einmarschierte, folgte nach den SS-Sondereinsatzkommandos zur Partisanen- und Judenvernichtung als erste zivile Behörde das Arbeitsamt: Meist mit Gewalt wurden in den eroberten Gebieten Männer und Frauen zum Arbeitseinsatz in Deutschland zwangsweise rekrutiert. Spätestens seit 1942 waren die deutsche Kriegswirtschaft und insbesondere die Rüstungsschmiede an Ruhr und Emscher alternativlos auf die „Fremdarbeiter“ angewiesen. Im Ruhrbergbau war der Höchststand ausländischer Arbeitskräfte im Dezember 1943 mit 150.000 Ausländern bei insgesamt knapp 400.000 Beschäftigten erreicht. Der Anteil der Zwangsarbeiter an den Zechenbelegschaften in Herne und Wanne-Eickel schwankte in dieser Zeit zwischen 30 bis 50 Prozent.

Anhand des Aktenmaterials lassen sich für Herne 34 und für Wanne-Eickel 43 Zwangsarbeiter- und Kriegsgefangenenlager nachweisen. Häufig waren die Lager in unmittelbarer Nähe der Betriebe errichtet worden und wurden von firmeneigenem Personal überwacht. So befand sich in unmittelbarer Nähe der Firmen Schwing und Jost unweit des Cranger Kirmesplatzes ein Lager für circa 1.000 „Fremdarbeiter“. Ein weiterer größerer Lagerkomplex befand sich in der Nähe der Cranger Kirche am Wetterschacht der Zeche Unser Fritz. Der größte Nutznießer der ausländischen Zwangsarbeitskräfte war die Hibernia AG. In ihrem Hauptlager für die Zechen Shamrock 1/2 und 3/4 befanden sich über 2.000 Menschen. Schätzungen gehen davon aus, dass während der Kriegsjahre in Herne und Wanne-Eickel etwa 30.000 „Zwangsarbeiter“ und „Kriegsgefangene“ unter zum Teil unmenschlichen Lebensbedingungen zum Arbeitseinsatz gezwungen wurden. 

„Niemand habe ich jemals darüber erzählt“

Mit 15 Jahren wurde auch Tamara Serjogina zwangsweise nach Herne deportiert. In einem Brief erinnert sie sich:

„Die Deutschen kamen in unsere Stadt Taganrog am 17. Oktober. Mein Vater ging mit der Bürgerwehr ins Hinterland. Aber ich blieb mit der Mutter. Mutter war Mitglied der Partei, und sie blieb und war in der Untergrundbewegung tätig. Aber Verräter entdeckten sie und lieferten sie aus. Mutter ist in den Händen der Gestapo umgekommen. Das Leben in Taganrog war sehr schwer und schrecklich. Am 11. April bin ich 15 Jahre alt geworden und am 30. April erhielt ich schon die Vorladung zur Vertreibung nach Deutschland. Die Deutschen sind sehr pedantisch im Organisieren. Täglich wurden bis zu 1.000 Menschen vertrieben. Die jungen Menschen gingen zu Fuß mit ihrem Hab und Gut, und die Soldaten fuhren mit einem Leiterwagen. Einmal am Tag wurde uns Essen ausgeteilt. Dann fuhren wir durch Russland, Polen bis Deutschland in Viehwaggons. Aus dem Waggonboden wurden Bretter heraus gebrochen, das war die Toilette!
Durch Deutschland fuhren wir in Personenwaggons bis zur Stadt Bad Salzuflen. Hier wurden wir von den Männern getrennt. Wir wuschen uns, wir wurden desinfiziert und in Baracken eingeteilt, die mit Stacheldraht umzäunt waren, auf dem nackten Boden und ohne Decken. Hier hielten wir uns zwei Tage auf. Am dritten Tag kamen „Herren“ und nahmen sich Arbeiter. Ich wurde mit einer Gruppe Mädchen dem Bevollmächtigten der Schachtanlage Schamrock 3/4 in der Stadt Wanne-Eickel übergeben, wohin wir dann gebracht wurden. Alle waren noch hungrig, und erst gegen neun Uhr abends bekamen wir Kaffee und Brot zu essen. Die Baracken waren schmutzig, und es gab sehr viele Wanzen. Wir bekamen Arbeitskleidung, und nach einem Tag wurden wir zur Arbeit getrieben.
Nach der Arbeit saßen wir in den Baracken, sangen Lieder, hatten Heimweh und weinten. In der Stadt Spazierengehen wurde uns nicht erlaubt, einige versuchten zu fliehen, aber sie wurden schnell gefangen und bei der Rückkehr bestraft. Wir hatten ein Abzeichen auf der rechten Seite: OST.“
Tamara Serjogina wurde später als Haushaltsgehilfin zu einem Bäcker nach Wanne-Eickel überstellt und wurde nach Querelen in das KZ Hattingen überführt. Sie erlebte das Kriegsende wieder in Wanne-Eickel und kehrte im Oktober 1945 in ihre Heimat zurück.  

Arbeit und Vernichtung

Die ausländischen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter waren für die deutsche Industrie „Beute“, die sie nach Gutdünken auswerten konnte. Allerdings stimmten auf der Betriebsebene der „rassisch motivierte Vernichtungswille“ des Nationalsozialismus und das ökonomische Interesse der Unternehmensführungen nicht immer überein. Der Einsatz gerade der russischen Kriegsgefangenen war für viele Betriebe langfristig nicht effizient genug. Eine effektive Beschäftigung setzte nicht nur eine bessere Verpflegung sondern auch Anlernmaßnahmen voraus, so dass ein hoher Wechsel durch Unterernährung und Tod betriebswirtschaftlich negative Folgen hatte. Das Münsteraner Wehrkreiskommando, dem auch die in Herne und Wanne-Eickel eingesetzten Kriegsgefangenen unterstanden, betonte im Mai 1943, dass sich der Gesundheitszustand der sowjetischen Kriegsgefangenen verschlechtere und dass die Todesziffern bedenklich anstiegen. Das Wehrkreiskommando forderte eine gewisse Verbesserung der Lebensmittelzuteilungen und die Unterlassung der zahlreichen Misshandlungen. „Es sei ausdrücklich darauf hingewiesen“, so das Wehrkreiskommando, „dass diese Forderungen nicht aus Gründen unangebrachter Sentimentalität oder Weichheit erhoben werden, sondern ausschließlich in der Absicht, eine größtmögliche Arbeitsleistung der Kriegsgefangenen zu erzielen.“


Aufgrund der gleichen zynischen Logik fanden auf der Zeche Friedrich der Große seit Herbst 1943 vom Dortmunder Arbeitsphysiologen Prof. Dr. Karl Kraut geleitete Ernährungsversuche statt. In den „Kraut-Aktionen” sollte genau die Nahrungsmenge bestimmt werden, die ein Zwangsarbeiter zur effektiven Arbeitsleistung benötigte, ohne dabei an Körpergewicht zuzulegen. Offener Widerspruch gegen solche Diskriminierungen oder auch gegen die vor aller Augen vollzogene Drangsalierung sowjetischer Kriegsgefangener war - sieht man von einzelnen Hilfsaktionen ab - äußerst selten. 

Schwein Pole tot

Das Verhältnis zwischen Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen und der Herner und Wanne-Eickeler Bevölkerung lässt sich nicht einfach bestimmen. An Misshandlungen haben sich nur wenige beteiligt, ebenso wie es nur wenige waren, die sich für Zwangsarbeiter einsetzten. Für die meisten waren die Ausländer einfach da und gehörten zum Kriegsalltag wie Lebensmittelkarten oder Luftschutzbunker. Die Diskriminierung der Polen und Russen wurde dabei ebenso als gegeben hingenommen wie die eigene bevorrechtigte Stellung ihnen gegenüber. „Es ist ganz selbstverständlich, dass wir die Herren sind und die ausländischen Arbeitskräfte das zu tun haben, was wir von ihnen verlangen“, stellte die NSDAP-Gauleitung von Westfalen in einem Rundschreiben vom 19. August 1943 entschlossen fest. Die nach rassistischen Kriterien hierarchisierte Gesellschaft funktionierte. Ihre Praxis wurde zur Gewohnheit, ohne dass sich der einzelne notwendig in Form von Diskriminierung oder Unterdrückung beteiligen musste.


Mehr als 1.700 sowjetische und polnische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene haben in Herne und Wanne-Eickel bis 1945 den Tod gefunden. Sie starben an Entkräftung, Mangelkrankheiten und infolge von Luftangriffen, denen sie wegen des Verbots, öffentliche Luftschutzräume aufzusuchen, schutzlos ausgeliefert waren. Das Kriegsgefangenen-Lazarett in Wanne fungierte sogar als eine Art Sterbelager. Bei fast einem Zehntel der verstorbenen sowjetischen Kriegsgefangenen notierte man als Todesursache: „Herzschuss“, „Kopfschuss“ oder „auf der Flucht erschossen“. Wie stark der „Bruch der Begegnung“ mit den Deutschen von den „Opfern“ wahrgenommen wurde, belegen die folgenden Zeilen des Fremdarbeiters Stanislaw Makowski, die er in Gedenken an einen Freund niedergeschrieben hat und die 1978 in einer Sammlung von Gedichten polnischer Zwangsarbeiter veröffentlicht wurden.

Er starb in Herne, im Krankenhaus, der aus der Heimat verjagte,
er hatte den Namen Fauzszewicz,
unter schrecklichen Leiden musste er armselig sterben,
bei seinem Ende hatte er niemanden.
Es kamen hierher nicht die Mutter, nicht die Schwester, nicht die Brüder,
um ihn zum ewigen Schlaf zu verabschieden, sondern eine Ordensschwester,
die in ihm unbekannten Worten sagte:
„Schwein Pole tot!“ 

Erinnerung

Lange Zeit war das Schicksal der Zwangarbeiter und Kriegsgefangenen in Herne und Wanne-Eickel weitgehend vergessen. 1989 war es dem Drängen einer Bürgerinitiative unter Führung des „Christlichen Vereins Junger Menschen“ (CVJM) zu verdanken, dass auf dem Wiescherfriedhof, wo es ein „Russenfeld“ mit 400 Gräbern gibt, ein Gedenkstein errichtet wurde. In deutscher, russischer und polnischer Sprache wird dort an den Tod der Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen erinnert. Auf dem Waldfriedhof in Wanne-Eickel, auf dem während des Krieges 1.031 russische Kriegsgefangene und 243 Zwangsarbeiter verscharrt wurden, mahnt ebenfalls ein Gedenkstein.

1996 benannte die Stadt eine Straße nach dem russischen Zwangsarbeiter Juri Gerus, der mit 16 Jahren im September 1942 im Krankenhaus an der Wiescherstraße starb.
Im Jahr 2001 beschloss schließlich der Rat der Stadt Herne, am Mahnmal für die Opfer des Widerstandes mit einer öffentlichen Gedenktafel an die Opfer der Zwangsarbeit zu erinnern. Die Inschrift der Tafel lautet:

„Zum Gedenken an die vielen tausend Menschen aus den verschiedenen Staaten Europas, die in Herne und Wanne-Eickel während des Zweiten Weltkriegs unter unmenschlichen Bedingungen Zwangsarbeit leisten mussten.“