Meine sehr geehrten Damen und Herren,
mehr als sechzig Jahre ist es nun her, als am 27. Januar 1945 Soldaten der Roten Armee in dem polnischen Ort Oswiecim, 60 Kilometer westlich von Krakau, ein Konzentrationslager betraten. Was sich ihnen bot, war ein Bild des Grauens. Es war der größte Friedhof der menschlichen Geschichte. Seitdem ist im Lauf der Jahrzehnte Auschwitz, der deutsche Name des Ortes, im internationalen Sprachgebrauch zur zentralen Metapher für Unmenschlichkeit und das Böse in unserer Zeit geworden.
An diesem 27. Januar 1945 wurde auch der Häftling Nummer 174 517 befreit. Es war der italienische Chemiker Primo Levi. Nach seiner Zeit im Konzentrationslager Auschwitz begann er sein berühmtes Buch „Ist das ein Mensch?“ zu schreiben, eines der ersten und bis heute bewegendsten Dokumente eines Überlebenden der Shoah. Er schilderte darin das Unmenschliche des Lagers mit menschlichen Augen und versuchte, den Schrecken in einer Sprache zu formulieren, die Ressentiments und Verallgemeinerungen vermied. Aber vor allem wollte er vor der Menschheit Zeugnis ablegen, auf dass „niemand jemals mehr wagen möge, die Existenz der Lager zu bestreiten: dass ‚es’, das Unnennbare, stattgefunden habe“, wie er später schrieb. Der heutige Tag steht auch im Sinne dieses „Nicht vergessen“. Er soll uns erinnern an das Leiden und den millionenfachen Tod unserer jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger unter dem nationalsozialistischen Terrorregime.
Wir erinnern uns. Aber wir schauen auch nach vorn. Der heutige Tag soll unser Bewusstsein wachrütteln, er soll unseren Blick schärfen, um mögliche Gefahren menschenverachtender Gewalt frühzeitig zu erkennen und abzuwenden. Der heutige Tag soll uns Mut machen, laut und deutlich „Nein!“ zu sagen gegen rechte Gewalt. Hingegen aber klar und vernehmlich „Ja!“ zu rufen, wenn man uns nach der gegenseitigen Anerkennung und dem Miteinander der Kulturen in unserer Stadt fragt.
Die Tatsache, dass vor gar nicht so langer Zeit in der Mitte Europas eine große Zahl von Menschen sich zu nahezu unglaublich barbarischem Handeln bewegen ließ, muss im Bewusstsein der jungen Generation verhaftet bleiben. Es ist verständlich, dass junge Menschen dem grauenvoll Unbegreiflichen ausweichen möchten, weil es unbequem und aus unserem Alltagsleben heraus nicht vorstellbar ist. Und doch geschieht bis heute immer wieder Ähnliches in der Welt.
Der Umschwung von einer friedlichen Welt in eine Welt des Grauens geschah damals und geschieht heute nie mit dem vollen Wissen und Wollen der Beteiligten. Plötzlich ist es zu spät, man hat es nicht gewollt und dann kann man nichts mehr ändern - und schon gibt es die „willigen Vollstrecker“ für jedes, auch das größte Unrecht. Das Bewusstsein für diese Gefahren muss rechtzeitig geschärft und der Wert eines jeden Lebens verdeutlicht werden. Die Beschäftigung mit diesem dunklen Teil der deutschen Vergangenheit kann dazu beitragen, Jugendlichen ihren eigenen Standort bewusster zu machen: Denn unsere Gegenwart ist zu weiten Teilen aus der Erfahrung mit dem
NS-Regime gestaltet worden.