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Der Herner Oberbürgermeister Horst Schiereck zum Gedenktag anlässlich der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar 1945

Oberbürgermeister Horst Schiereck, April 2008. (Foto: Kirsten Weber)

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

mehr als sechzig Jahre ist es nun her, als am 27. Januar 1945 Soldaten der Roten Armee in dem polnischen Ort Oswiecim, 60 Kilometer westlich von Krakau, ein Konzentrationslager betraten. Was sich ihnen bot, war ein Bild des Grauens. Es war der größte Friedhof der menschlichen Geschichte. Seitdem ist im Lauf der Jahrzehnte Auschwitz, der deutsche Name des Ortes, im internationalen Sprachgebrauch zur zentralen Metapher für Unmenschlichkeit und das Böse in unserer Zeit geworden.

An diesem 27. Januar 1945 wurde auch der Häftling Nummer 174 517 befreit. Es war der italienische Chemiker Primo Levi. Nach seiner Zeit im Konzentrationslager Auschwitz begann er sein berühmtes Buch „Ist das ein Mensch?“ zu schreiben, eines der ersten und bis heute bewegendsten Dokumente eines Überlebenden der Shoah. Er schilderte darin das Unmenschliche des Lagers mit menschlichen Augen und versuchte, den Schrecken in einer Sprache zu formulieren, die Ressentiments und Verallgemeinerungen vermied. Aber vor allem wollte er vor der Menschheit Zeugnis ablegen, auf dass „niemand jemals mehr wagen möge, die Existenz der Lager zu bestreiten: dass ‚es’, das Unnennbare, stattgefunden habe“, wie er später schrieb. Der heutige Tag steht auch im Sinne dieses „Nicht vergessen“. Er soll uns erinnern an das Leiden und den millionenfachen Tod unserer jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger unter dem nationalsozialistischen Terrorregime.

Wir erinnern uns. Aber wir schauen auch nach vorn. Der heutige Tag soll unser Bewusstsein wachrütteln, er soll unseren Blick schärfen, um mögliche Gefahren menschenverachtender Gewalt frühzeitig zu erkennen und abzuwenden. Der heutige Tag soll uns Mut machen, laut und deutlich „Nein!“ zu sagen gegen rechte Gewalt. Hingegen aber klar und vernehmlich „Ja!“ zu rufen, wenn man uns nach der gegenseitigen Anerkennung und dem Miteinander der Kulturen in unserer Stadt fragt.

Die Tatsache, dass vor gar nicht so langer Zeit in der Mitte Europas eine große Zahl von Menschen sich zu nahezu unglaublich barbarischem Handeln bewegen ließ, muss im Bewusstsein der jungen Generation verhaftet bleiben. Es ist verständlich, dass junge Menschen dem grauenvoll Unbegreiflichen ausweichen möchten, weil es unbequem und aus unserem Alltagsleben heraus nicht vorstellbar ist. Und doch geschieht bis heute immer wieder Ähnliches in der Welt.

Der Umschwung von einer friedlichen Welt in eine Welt des Grauens geschah damals und geschieht heute nie mit dem vollen Wissen und Wollen der Beteiligten. Plötzlich ist es zu spät, man hat es nicht gewollt und dann kann man nichts mehr ändern - und schon gibt es die „willigen Vollstrecker“ für jedes, auch das größte Unrecht. Das Bewusstsein für diese Gefahren muss rechtzeitig geschärft und der Wert eines jeden Lebens verdeutlicht werden. Die Beschäftigung mit diesem dunklen Teil der deutschen Vergangenheit kann dazu beitragen, Jugendlichen ihren eigenen Standort bewusster zu machen: Denn unsere Gegenwart ist zu weiten Teilen aus der Erfahrung mit dem NS-Regime gestaltet worden.  
„Ja“ zum Gedenken. Foto des „Schild“ Herne, westdeutscher Meister im Tischtennis 1936/37.

Obere Reihe (v.li.): Lotte Lauber (1939 nach Polen abgeschoben, verschollen), Hans Steilberger (1937 in die USA), Bernhard Königsbuch (1939 nach Palästina), Walter Steinberg (1939 in die USA), Ursel Wollstein (1942 in Auschwitz ermordet), Heinz Hirschen (1942 deportiert, ermordet), Heinz Schnur (1936 nach Uruguay), Joachim Komet (überlebt). Sitzend: Heinz Baum (1937 nach Palästina), unbekannt, Ferdi Weiß (1942 deportiert, ermordet), Gerda Riesenfeld (1942 deportiert, ermordet)

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

im Auftrag des Rates der Stadt haben wir vor einigen Jahren mit dem Projekt „Nahtstellen, fühlbar, hier…“ und der Schaffung dezentraler Erinnerungsorte einen Weg beschritten, den man im Bereich der „Erinnerungskultur“ durchaus beispielhaft nennen kann.

Junge Menschen haben im Gedenken an die historischen jüdischen Gemeinden in Herne und Wanne-Eickel, in Erinnerung an ihr Leben und Wirken, in Erinnerung an die Menschen, an die Familien und im Gedenken an die Opfer von Ausgrenzung, Verfolgung und Deportation „Gedächtnistafeln“ gestaltet, die in den verschiedenen Stadtteilen aufgestellt wurden.

Wieder sind wir ein kleines, aber wichtiges Stück auf dem langen Weg der Erinnerung vorangekommen. Denn die Schülerinnen und Schüler haben auf die Frage „Interessiert das heute überhaupt noch jemanden?“ wieder mit einem klaren und deutlichen „JA!“ geantwortet.  

Einweihung der Gedenktafel für die Herner Synagoge, 2007. (Foto: Hans Blossey)

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

die Jüdische Gemeinde Bochum-Herne-Hattingen feierte im Dezember 2007 endlich die Einweihung ihrer neuen Synagoge in Bochum. Ich war zu dieser Feierstunde eingeladen und tief beeindruckt von der Kraft und dem starken Glauben der Jüdischen Gemeinde. Ich war beeindruckt von der herzlichen Offenheit und Gastfreundschaft der Gemeinde.

Doch, meine Damen und Herren, wir alle wissen, eine lebendige Erinnerungsarbeit endet nicht mit dem Bau neuer Synagogen in Deutschland.
Sie ist auch nicht damit beendet, weil wir nun in Herne viele dezentrale Orte der Erinnerung geschaffen haben und bald auf dem Willi-Pohlmann-Platz auch ein zentrales Mahnmal für die Opfer der Shoah entstehen wird, das die Namen aller jüdischen Opfer aus Herne und Wanne-Eickel tragen soll. Natürlich sind die neue Synagoge oder das geplante Mahnmal weit sichtbare Symbole. Aber darin darf sich unsere Erinnerungsarbeit zu diesem schrecklichsten Kapitel deutscher Geschichte nicht erschöpfen.

Was allein wichtig ist: dass wir diese Symbole immer wieder mit lebendigem Dialog aufladen. Erinnerungsarbeit ist heute eine andere geworden. Denn sie wird zukünftig von jungen Menschen gestaltet, die keine unmittelbare Beziehung mehr zum damaligen Geschehen haben. Deshalb ist es wichtig, dass sich die Generationen treffen, um der Opfer zu gedenken und dass wir alle gemeinsam für eine friedliche Zukunft der Kulturen eintreten.

Deshalb sind wir heute hier.  

 

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