Liebe Herner Bürgerinnen und Bürger,
liebe Gäste,
Über 70 Jahre sind vergangen, seit die Pogromnacht vom 9. zum 10. November 1938 zum Zeichen wurde, dass jüdische Menschen in Deutschland nicht nur einer systematischen Diskriminierung ausgesetzt waren, sondern in unsagbar menschenverachtender Weise zu schutzlosen Opfern des staatlichen Handelns wurden und der Willkür sogenannter „Partei- und Volksgenossen“ preisgegeben waren.
Die Synagogen brannten im ganzen Land. Auch in Herne und Wanne-Eickel hatten jüdische Mitbürger unter der nationalsozialistischen Verfolgung zu leiden. Es war der Beginn der schrecklichsten Ausprägung von Antisemitismus, die mit den Deportationen in den Osten und dem Massenmord in den Vernichtungslagern ihren fürchterlichen Höhepunkt fand.
„Die Opfer sollen nicht vergessen sein.“ Dieses Diktum ist über Jahrzehnte hinweg unterschiedlich ausgefüllt worden und zu Recht beschäftigte die Erinnerung an die Shoah auch die Menschen in unserer Stadt.
Am 13. Juli 2004 beschloss daher der Rat der Stadt Herne, sich für die Schaffung von lokalen Erinnerungsorten einzusetzen, an denen der Opfer aus Herne und Wanne-Eickel gedacht werden kann.
Unter besonderer Mitwirkung von Herner Schülerinnen und Schülern und in Zusammenarbeit mit dem Historiker Ralf Piorr rief die Stadt Herne das Projekt „Nahtstellen fühlbar – hier“ ins Leben. Damit wollten wir der Opfer nicht mehr nur anonym gedenken. Wir wollten die Opfer bei ihrem persönlichen Namen nennen. Wir wollten zeigen, wie und wo sie in unserer Stadt gelebt haben und der Erinnerung ein Gesicht geben.
An den historischen Orten und zugleich mitten im aktuellen Stadtleben wurden zehn Gedenktafeln errichtet.
Die Tafeln erzählen die Lebensgeschichte der jüdischen Mitbürger, die seinerzeit an diesen Orten lebten. An konkreten Beispielen erfahren wir die Geschichte des jüdischen Lebens in unserer Stadt, welches durch die Shoah zur Gänze vernichtet wurde.
Der Rat der Stadt beschloss auch die Errichtung eines zentralen Mahnmales. Dieser Ort des Gedenkens sollte allen rund 400 namentlich bekannten Opfern der Shoah aus unserer Stadt gewidmet sein.
Auf Empfehlung einer unabhängigen Jury entschied sich der Rat der Stadt für den Entwurf der Künstler Winfried Venne und Gabriele Graffunder aus Wuppertal.
Das Memorial besteht aus einer Steinplatte, einer Rampe und 410 Okularen, in denen wir alle Namen der verfolgten und von den Nazis ermordeten jüdischen Mitbürger lesen. Durch die Nennung eines jeden Namens, des Todestages und des Sterbeortes werden die Menschen aus der Anonymität herausgehoben und in den Fokus des Betrachters gerückt. Zugleich entsteht mit dem neuen Denkmal ein verbindendes Element zu den dezentralen Gedenktafeln im Stadtgebiet.
Im Bewusstsein und deshalb in zeitlicher Nähe zum 27. Januar, dem Gedenktag der Befreiung von Auschwitz vor genau 65 Jahren, übergeben wir das Shoah-Denkmal am 29. Januar 2010 der Öffentlichkeit. Wir sind überaus dankbar, dass wir die Einweihung in Anwesenheit von einigen ehemaligen jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern aus Herne und Wanne-Eickel vornehmen dürfen.
Die Stadt Herne dankt dem Historiker Ralf Piorr, allen Schülerinnen und Schülern und allen engagierten Bürgerinnen und Bürgern, die sich in den vergangenen Jahren für das Projekt „Erinnerungsorte“ und für die Errichtung des zentralen Denkmals für die Opfer der Shoah eingesetzt haben.
Wir danken der Stiftung Kunst und Kultur der Herner Sparkasse, die großzügige Mittel für den Bau der zentralen Gedenkstätte auf dem Willi-Pohlmann-Platz bereitstellte.
Die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Herne bekunden mit dem Denkmal, dass sie die Opfer der Shoah nicht vergessen werden. Zugleich stellen sie sich damit gegen jede Form von Antisemitismus und rechter Gewalt in unserer Stadt.
Das Mahnmal ist ein wichtiges Symbol, doch darin allein darf sich unsere Erinnerungsarbeit nicht erschöpfen. Das Symbol der Erinnerung und Mahnung müssen wir immer wieder neu mit lebendigem Dialog aufladen.
Auf den Internetseiten der Stadt Herne kommen ehemalige jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger zu Wort. In der Rubrik:
Die Stadt / Shoah erfahren wir ihre Lebensgeschichten. Dort ist auch die Entstehung der Gedenktafeln und des zentralen Denkmals dokumentiert.
Ich lade Sie herzlich ein, diese Dokumentation aufzurufen.
Suchen Sie auch die Erinnerungsorte auf! Lesen Sie die Namen der Menschen auf dem Denkmal!
Wir wollen uns erinnern! Wir wollen der Opfer gedenken! Wir wollen mahnen!
Wir wollen gemeinsam Zukunft gestalten, mit allen Menschen in unserer Stadt, mit allen Religionen und Kulturen!
Horst Schiereck
Oberbürgermeister der Stadt Herne
Mittwoch, 27. Januar 2010