Erinnerung und Distanz
Langsam gehen wir zurück zum Robert-Brauner-Platz, an dem früher das Haus Bahnhofstraße 57/59 stand, das von den Nazis zum ‚Judenhaus’ bestimmt wurde. Von hier gingen die Transporte der Juden nach Dortmund und damit in die Ghettos und Konzentrationslager des Ostens ab. Auch Esther Hochermans Eltern wurden von hier aus am 23. Januar 1942 in das Ghetto Riga deportiert und schließlich 1944 im
KZ Stutthof ermordet. Heute erinnert hier nichts mehr an das, was damals mitten im Zentrum der Stadt geschah. Ein Bierzelt, ein Crèpes-Wagen und ein paar andere Verkaufsstände überlagern die Vergangenheit. „Die Rückkehr nach Herne war keine leichte Entscheidung“, bemerkt sie, „ich habe nicht umsonst so lange damit gewartet.“
Esther Hocherman zeigt mir die Fotos, die von ihrer Familie geblieben sind. „Sehen Sie dieses Bild: Mein erster Schultag 1937. Dieses Mädchen mit ihrer bestickten, gestärkten und gebügelten Schürze, die Schleife im Haar und diese weißen Strümpfe mit den Bommeln: alles ganz deutsch.“ Sie lächelt dabei, ein wenig traurig, ein wenig bitter, als ob darin der ganze Irrtum des assimilierten deutschen Judentums liegt, noch lange Zeit während der
NS-Herrschaft zu glauben, trotz allem beim deutschen Kulturvolk sicher zu sein. „Aber das kleine deutsche Mädchen Edith ist nicht mehr!“, sagt sie und legt das Bild entschieden beiseite. Wir schweigen und für diese Sekunde trennt uns die Geschichte: Sie ist eine Jüdin, ich bin ein Deutscher, gewollt oder nicht.
Der Moment der Distanz geht vorüber. Wir schlendern langsam zurück zu ihrem Hotel. Ich frage sie, ob ihr Vorname eigentlich eine Übertragung von Edith ins hebräische sei? „Nein“, antwortet sie, „den habe ich mir selbst ausgesucht. Ich kam mit zwölf Jahren nach Israel und hörte die biblische Geschichte der tapferen Königin Esther, die viel für ihr jüdisches Volk getan hatte. Das hat mir sehr imponiert, und ich habe mich für diesen Namen entschieden, denn ich wollte meinen deutschen Namen nach all dem, was passiert war, ablegen und etwas Neues beginnen.“