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Schriftzug des Stadtmagazins inherne

„Herne liegt im Zentrum – nicht nur geografisch“


RUHR.2010-Chef Fritz Pleitgen über Lob und Kritik an der Kulturhauptstadt und die Herner Projekte

inherne: Herr Pleitgen, Sie haben die Eröffnungsveranstaltung grandios absolviert. Wie geht man mit so viel Lob um?

Pleitgen: Behutsam, denn ich habe in meinem Leben sehr häufig erfahren müssen, dass auf Höhepunkte durchaus auch Einbrüche erfolgen können. Ich gehe nicht davon aus, dass wir davon heimgesucht werden, aber man sollte wissen, dass wir erst am Anfang einer langen Strecke stehen. Natürlich hat die gelungene Eröffnung uns sehr viel Schwung gegeben, auch Zuversicht, dass wir die weiteren Probleme, die auf uns warten, meistern werden. Wir dürfen uns nicht im Übermut zu sicher wähnen. Es gibt noch viel zu tun, aber wir sind gut dabei.

inherne: Wenn Sie von Problemen sprechen, woran denken Sie?

Pleitgen: Erst einmal plagt mich immer die Sorge, dass unsere vielen guten Projekte, die auch Herne betreffen, möglicherweise nicht von so vielen Menschen wahrgenommen werden, wie wir das gerne hätten. Denn das Angebot ist überaus opulent, und ich hoffe, dass sich die Bevölkerung auf Dauer dann überfordert fühlt.
Mir hat Marie Zimmermann, die einmal Intendantin der RuhrTriennale werden sollte, von ihren Erfahrungen erzählt mit der Expo, wo man ein erstklassiges Kulturprogramm entwickelt hatte, dass aber nicht die rechte Resonanz gefunden hatte. Es lag auch daran, dass von Anfang an die Medien wenig hilfreich darüber geschrieben und berichtet haben.
So etwas kann passieren. Wir sind da schon aus dem Gröbsten heraus. Die Eröffnung hat uns ja eine Berichterstattung beschert, wie sie das Ruhrgebiet angeblich noch nicht erfahren hat. Das wird jedenfalls gesagt. Wir hören das auch sehr gerne. Es folgen noch viel schöne Ereignisse. Ich habe auch das Gefühl, dass die Gesamtkomposition des Programms stimmt, dass alle daran beteiligt werden, dass alle teilnehmen können. Und dass wir mit der Devise, auf Inhalte und auf starke Bilder zu setzen, richtig liegen.
Ein Bildstreifen mit zwei Ansichten von Fritz Pleitgen: Auf einem Bild schaut er freundlich in die Kamera, auf dem anderen gestikuliert er im Gespräch mit den Händen.

inherne: Wenn Sie von vielen Ereignissen sprechen: Weiß der Ruhr.2010-Geschäftsführer, was in den einzelnen Städten läuft und wie sich deren Programm zusammen setzt?


Pleitgen: Ich würde die Unwahrheit sagen, wenn ich alle Projekte kennte. Das tue ich nicht, aber ich versuche, mich dann immer „a jour“ zu bringen. Wir haben die „Local Heroe“-Wochen gestartet. Die ersten waren, wie ich gehört habe, ein Erfolg. Ich versuche, auf allen dabei zu sein, aber manchmal wird man von seinen Verpflichtungen derart überwältigt, dass man es nicht schafft.
Einen totalen Überblick habe ich nicht, das Wesentliche kenne ich schon. Es ist auch sehr schön, wenn ich merke, mit welchem Engagement die einzelnen Kommunen rangehen. Es erfüllt mich mit großer Hochachtung, weil ich weiß, wie schwer es alle Gemeinden haben. Es ist aller Ehren wert, was dort geleistet wird. Davor ziehe ich meinen Hut.

inherne: Aus Ihrer Biografie kann man entnehmen, dass Sie ein guter Journalist, aber auch ein hervorragender Diplomat sind. Sie hatten in Moskau hervorragende Beziehungen zu den Regierenden und zu den Dissidenten. Das Kulturhauptstadtjahr vereint ein Konglomerat von 53 Städten mit 53 Bürgermeistern. Ein riesiger Sack mit unterschiedlichen Vorstellungen, Einstellungen und Ideen. Und trotzdem sind die Vorbereitungen überraschend harmonisch abgelaufen. Lag es an Ihren diplomatischen Talenten?

Pleitgen: Ach, ich glaube, die brauchte ich da nicht besonders auszuspielen. Mir kommt es immer darauf an, dass die Leute, mit denen ich zu tun habe, ob sie nun in Regierung oder in Opposition stehen, wissen, wie sie mit mir dran sind. Das ist mir im Laufe meines Lebens offensichtlich sehr gut gelungen. Mit der gleichen Haltung bin ich hier, zusammen mit Oliver Scheytt, an die Aufgabe gegangen.
Ich habe auf der anderen Seite die erfreuliche Erfahrung gemacht, dass dieser früher doch sehr lähmende Geist der Rivalität in den Städten doch mehr und mehr abgelöst wird von einem Geist der Kooperation. Das ist eine sehr gute Erfahrung bei den Treffen der Kulturbeauftragten. Es geht außerordentlich harmonisch und ergebnisorientiert zu. Da ziehen alle an einem Strang. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass die Kulturhauptstadt am Ende ein großer Erfolg sein wird. Nicht nur für eine Stadt, nicht nur für Essen, sondern für alle Städte.

inherne: Sie sind in Duisburg geboren. Ich weiß nicht, wie lange sie dort gelebt haben …

Pleitgen: … nicht sehr lange. Drei Monate nach meiner Geburt. Aber die Duisburger reklamieren mich hartnäckig als Sohn der Stadt, also fühle ich mich auch als solcher. Kurz nach meiner Geburt sind meine Eltern mit den anderen Kindern nach Essen gezogen. Dort habe ich die ersten Wahrnehmungen meines Lebens mitbekommen, die waren nicht die besten. Das waren Sirenengeheul und Flammen. Essen wurde, wie die anderen Städte des Ruhrgebiets, Tag und Nacht bombardiert. Dann sind wir evakuiert worden nach Schlesien, von dort sind wir dann geflüchtet, so dass meine Familie die volle Dröhnung bekommen hat, was Krieg bedeutet.
Wir sind dann nach Ostwestfalen geflüchtet. Und dort bin ich aufgewachsen, aber dann doch relativ früh nach Köln gekommen, wo ich als Reporter oft über das Ruhrgebiet berichtet habe. Ich habe also die schwierigen 60-er Jahre hier mitgemacht, als das Zechensterben losging und die Verzweiflung der Menschen noch sehr groß war. Deshalb verbindet mich mit dem Ruhrgebiet einfach sehr viel.

inherne: Wie gut kennen Sie Herne?

Pleitgen: … Herne kenne ich auch. Aber ich habe immer gefordert, wenn das Ruhrgebiet dann mal ein Regierungsbezirk wird, dann sollte der Sitz des Regierungspräsidenten in Herne sein …

inherne: … das kommt von Ihnen?

Pleitgen: … ja, das stammt von mir. Ich habe auf die Karte geguckt und habe gesehen, Herne liegt genau in der Mitte. Dann brauchen sich Essen und Dortmund und die anderen Großen nicht mehr zu streiten, dann ist das Kind in der Mitten.

inherne: Sie haben auch was anderes gesagt, was in Herne gerne zitiert wird. Ihre Lieblingsarchitektur sei die Künstlerzeche …

Pleitgen: … ja, Unser Fritz. Mich hatte einer gefragt, wollen Sie sich dort ein Denkmal schaffen? Ich habe gesagt: Ich habe ja schon eins, Unser Fritz. (Anm. d. Redaktion: Wegen Pleitgens Vornamen) … Und als Beweis … meine neue Autogrammkarte. (Zeigt die Karte.) Das wird sehr abgefragt, nicht dass Sie denken, das sei Billigware.

inherne: Damit haben Sie uns bewiesen, dass Sie über Herne Bescheid wissen.

Pleitgen: Ich will‘s nicht übertreiben. Wann habt Ihr Local Heroe?

inherne: Während der Cranger Kirmes.

Pleitgen: Gut, am 14. August packe ich es. Weil ich danach im Urlaub bin. Und wenn ich den schmeiße, dann brauche ich mich Zuhause überhaupt nicht blicken zu lassen.

inherne: Sie könnten ja jetzt auch ein schönes Leben mit den Lieben verbringen.

Pleitgen: Als ich EBU- (Europäische Rundfunkunion) Präsident war, hatte ich viele schöne attraktive Verpflichtungen. Da hatte ich so eine Serie mit Terminen in New York, Madrid und Rio. Zur gleichen Zeit war ich Verpflichtungen hier im Ruhrgebiet eingegangen. Eine war bei Ihnen in Herne. Bei entsorgung herne hatte ich eine Zusage gegeben – und die stand gegen Rio.

inherne: Sie sprechen vom Unternehmerempfang des Oberbürgermeisters.

Pleitgen: Eine ähnliche Geschichte hatte ich mit New York und Madrid. Aber Rio war extravagant, weil ich da noch nie war. So habe ich Ereignisse aufgegeben, die eigentlich ganz interessant gewesen wären. Nur, damit Sie einen weiteren Charakterzug von mir kennen lernen: Ich stehe zu meinem Wort. Der Ruhri.
Damals hatte ich wirklich gute Angebote, auch Filmprojekte. Und wenn Sie vier Jahre aus dem Geschäft sind, dann können Sie es mit den Filmprojekten auch vergessen. Dann verliert man an Marktwert, niemand ist mehr interessiert. Das ist ein kleines Opfer gewesen. Auch für meine Frau, die mich warnt: Du musst mit deinem Alter Schritt halten. Du bist jetzt über 70, da musst du auch über 70 Stunden arbeiten (lacht).

inherne: Sind Sie auch ein bisschen glücklich mit der Kulturhauptstadt?

Pleitgen: Ich bin noch sehr angespannt. Man will es doch zu einem großen Erfolg machen, sonst hätte ich das Ganze nicht angefangen. Und das Ruhrgebiet ist eben kein Selbstläufer als Kulturhauptstadt. Wir müssen alle Möglichkeiten nutzen, um uns im Gespräch zu halten, damit man dauerhaft in den Köpfen sitzen bleibt.

In Teil Zwei des Interviews spicht Fritz Pleitgen über die Herner Beiträge zur RUHR.2010

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