inherne: Trotz des Lobes gab es auch Kritik am Kulturhauptstadt-Programm. Zum Beispiel, dass zu viel Events untergebracht wurden. Vielleicht wäre weniger mehr gewesen?
Pleitgen: Dies hätte dem Geist der Kulturhauptstadt vollkommen widersprochen, wenn wir nicht alle mitgenommen hätten. Das bedeutet natürlich eine Vielzahl an Projekten. Wenn wir nur 20 Highlights gehabt hätten: Ja, wo wären die Städte denn geblieben? Dann hätten die das auch gleich lassen können. Wir mussten breitgefächert antreten.
So ist aber auch das Ruhrgebiet. Wir wollen das gesamte Ruhrgebiet präsentieren, mit seiner gesamten kulturellen, religiösen und ethnischen Vielfalt. Sich auf wenige Dinge zu beschränken – dann hätte nicht die ganze Region anzutreten brauchen.
inherne: Genörgelt wurde auch, dass zu wenig einheimische Künstler beteiligt sind, dass man lieber auswärtige Künstler engagiert.
Pleitgen: Die auswärtigen Künstler sind ja immer gepaart mit einheimischen. Wir sind keine regionale Angelegenheit. Wir sind eine internationale Sache. Das Ruhrgebiet ist der Ausdruck des vereinten Europas. Wir haben darauf verzichtet, internationale Stars zu verpflichten. Da treten wir mit unseren eigenen Kräften an. Wenn wir beispielsweise bei der Ausstellung „Ruhrblicke“ internationale Künstler einladen, dann mit der Absicht: Wie sehen die uns? Es geht uns ja um unser Image. Wie werden wir von außen gesehen? Sonst setzen wir ganz entschieden auf die heimischen Kräfte.
inherne: Die Kritiker-Liste ist noch länger. Man mokiert sich über das Hick-Hack bei der Organisation der Love-Parade. Das Ruhrgebiet sei weit davon entfernt, eine Metropole zu sein …
Pleitgen: Sie können an allem Kritik üben. Die Love-Parade ist absolut nötig. Wir wollen ja zeigen, dass das Ruhrgebiet auch jungen Leuten auch was zu bieten hat. Wir können uns nicht hinsetzen, und ein schönes internes Bürgerfest feiern, wir müssen ganz entschieden daran arbeiten, dass wir von dem veralteten Image wegkommen. Und das haben wir mit der Eröffnung, an der auch fast alle rumgemeckert haben, bewiesen. Da sind die Bilder geliefert worden, die wir versprochen haben. Wenn wir das in der Philharmonie gefeiert hätten, dann hätte uns keiner wahrgenommen.
Wir haben ja nicht unendliche Mittel. Wenn wir die Erwartungen erfüllen wollten, die an uns gerichtet wurden, hätten wir einen Etat von einer Milliarde haben müssen. Wir haben aber nur 60 Millionen für vier Jahre. Da muss man eine ganz klare Strategie haben. Und die haben wir: Inhalte und starke Bilder. Und Spitzenkunst und außergewöhnliche Kulturereignisse. Über allem steht „Wandel durch Kultur“ – darunter steht eine ruhrgebiet-identische Kulturhauptstadt. Wir wollen kein Silicon Valley sein, das überall sein könnte. Wir wollen die Kulturhauptstadt Ruhrgebiet sein. Ich glaube, da sind wir auf dem richtigen Weg. Ich gebe aber zu, dass wir nicht die Wünsche aller erfüllen können.
inherne: Dann zitiere ich noch einen letzten Vorwurf. Kreativwirtschaft bedeutet bei den Kulturhauptstadt-Machern, dass nur kommerzialisierte Kunst zum Zuge käme.
Pleitgen: Bei uns werden doch Veränderungen geschaffen. Wenn ich allein an die Emscherkunst denke. Oder an das Dortmunder U - da entsteht nun das 1. Europäische Institut für Kreativwirtschaft. Ein Gebäude, mit dem man früher nichts mehr anzufangen wusste, wird jetzt ein Markenzeichen. Andere Beispiele: Der Herkules auf der Zeche Nordstern oder die Mercatorinsel in Duisburg. Es werden unglaubliche Veränderungen geschaffen. Im Jahre 2020 werden wir, wenn wir zurückblicken, sagen können: Im Jahr 2010 sind entscheidende Schritte nach vorne getan worden.
Wobei unsere Überlegung ist, dass unser Ruhrgebiet zu einer Metropole Ruhr vorankommt. Wir sagen nicht, wir sind London oder Paris. Wir sind eine Metropole neuen Typs, in der die 53 Städte, das heißt die jeweiligen Identitäten, weiter existieren. Was sie tun sollen, ist, dass man zusammen arbeitet in wichtigen Fragen. Dass man uns insgesamt als eine Kulturmetropole betrachtet. Das wäre schon eine Menge. Denn anders können wir international nicht mithalten.
Lesen Sie im dritten Teil, wovon für Fritz Pleitgen der Erfolg der RUHR.2010 abhängt
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