Eine Truhe mit gewölbtem Deckel: Die wissenschaftliche Terminologie bezeichnet ein solches Objekt als Koffer. Der herkömmliche Sprachgebrauch hingegen versteht unter einem Koffer ein bewegliches, abschließbares Behältnis zur Beförderung persönlichen Gutes. Dass der Koffer diesem Zweck gedient hat, mag allerdings bezweifelt werden, da er aufwendig verziert ist und wohl eher als Schrankersatz im Haus gedacht war.
Der Koffer ist ganzflächig mit Furnier und
Marketerie geziert. Die Furnierblätter sind so aufgelegt, dass sich die
Fladerung des Holzes zu radialen oder flächigen Mustern fügt. Geschweifte marketierte Bänder gliedern die Flächen. Im Gegensatz zum Furnier, bei dem ganze, größere Holzblätter verwendet werden, werden bei der Marketerie einzelne Furnierteile nach einem vorab entworfenen Muster ausgeschnitten und auf dem Möbelkorpus zum gewünschten Muster aufgebracht. Die Verwendung verschiedenfarbiger Hölzer steigert den Dekoreffekt und verleiht der Oberfläche des Koffers eine besondere Lebendigkeit.
Eine Politur vollendet die Dekorwirkung. Bekannt ist die Wachspolitur, bei der Wachs direkt auf das Holz gerieben oder als mit Terpentin gelöste Paste aufgetragen und nach dem Trocknen poliert wird. Noch effektvoller ist die bei dem vorgestellten Koffer angewandte Schellackpolitur. Schellack ist das Ausscheidungsprodukt der ostasiatischen Lackschildläuse, das in Form von Tafeln oder dünnen Plättchen erhältlich ist und zur Verarbeitung in Weingeist gelöst wird. Ist die Oberfläche des zu behandelnden Möbels durch Hobeln, Schmirgeln und einen Schlämmkreideauftrag vorbereitet, kann die Politurflüssigkeit aufgetragen werden. Dazu wickelt man ein kleines Wolltuch in ein Baumwolltuch. Der gelöste Schellack wird anschließend so in diesen Stoffballen eingetupft, dass er sich im inliegenden Wolltuch sammelt und dieses als Politurreservoir dient. In mehreren, durch längere Trockenphasen unterbrochene Auftragungsfolgen wird die Oberfläche mit der Politur versehen. Zu beachten ist auch der abwechselnde Auftrag von Politurflüssigkeit und Leinöl. Dies steigert den Glanz der Schellackpolitur beträchtlich.
Ein wichtiger Nebeneffekt der Politur ist der Schutz eines Möbels vor Feuchtigkeit und Sonneneinstrahlung, vor Verkratzung, Stößen und vor dem Eindringen von Schädlingen. Augenfällig aber ist ihre Wirkung auf den ästhetischen Eindruck eines Möbelstücks: Sie hebt die natürliche Zeichnung des Werkstoffs Holz hervor, vertieft seine Farben und verleiht dem Dekor Glätte, Glanz, Plastizität und Tiefe – Eigenschaften, die dem Dekor des Koffers aus dem Emschertal-Museums in gefälliger Weise zu eigen sind.
Koffer
Süddeutschland, um 1750.
Korpus Lärche; Furnier und Marketerie Nussbaum, Eiche, Wenge.
Breite 116
cm, Höhe 77
cm, Tiefe 60
cm.
© Stadt Herne, Emschertal-Museum,
Dr. Gabriele Wand-Seyer