Begegnung der Generationen
Für die jungen Herner ist diese Erinnerung spürbar, als Respekt, nicht als Barriere. In der Wohnung ihrer Gastgeberin sammeln sich Bilder aus ihrer Geburtsstadt, eine Handzeichnung der Wanne-Eickeler Synagoge, eine Menora und Fotos aus Israel. Im Garten des Hauses wird diskutiert. „Ich habe mich jahrelang schuldig gefühlt, meine Eltern verlassen zu haben“, erzählt Liesel Spencer mit bewegter Stimme. „Ich konnte darüber nicht sprechen und jede Nacht quälten mich Alpträume. Oft sah ich mich selbst in einem Konzentrationslager.“ Die jungen Herner sind über dieses Bekenntnis überrascht. „Eigentlich war sie das Opfer und trotzdem plagte sie sich mit den Schuldgefühlen einer Überlebenden“, stellt Michèle Schnarre fest. Geschichte ist eben auch Lebensgeschichte und manchmal verdichtet sich die Zeitgeschichte eindrucksvoll in einer Biografie. Im Gespräch der so unterschiedlichen Generationen wird die Shoah nicht verdrängt, sondern in das Verhältnis einbezogen. „Ich fühle mich nicht für das schuldig, was in der
NS-Zeit passierte. Aber ich fühle mich verantwortlich dafür, dass es nicht vergessen wird und sich nichts Ähnliches wiederholt“, begründet Michèle Schnarre ihr Engagement. „Es war seltsam, Liesel in der Küche hantieren zu sehen, wo sie Abendessen für uns vorbereitete, und gleichzeitig darüber nachzudenken, was sie selbst erlebt hat. Als sie Deutschland verlassen musste, war sie ungefähr so alt wie ich heute.“
Gemeinsam besuchten sie die Synagoge in Matawan und das „Center for Holocaust Studies“. „Wir wurden mit offenen Armen empfangen. Niemand begegnete uns mit Vorbehalten, und man begrüßte uns als Gäste“, beschreibt Sascha Rutzen seine Erfahrungen und resümiert: „Die Eindrücke mit Liesel werden mich ein Leben lang begleiten. Als wir uns verabschiedeten, war sie mehr als eine ‚Zeitzeugin’. Sie war unsere Gastgeberin und Freundin.“ Auch Liesel Spencer muss in Erinnerung an ihre jungen deutschen Freunde lächeln. „Die Zeit mit ihnen war auch für mich wichtig. Ich kann mich heute ohne Hass gegen Deutschland an meine Eltern erinnern, denn ich weiß, es gibt dort mittlerweile Menschen, die ganz anders sind und auch voller Abscheu an den Nationalsozialismus denken.“