Von Horst Martens (Text) und Thomas Schmidt (Fotos)
Eine halbe Stunde war für die Gedenkfeier vorgesehen: Dann dauerte sie 100 Minuten. Aber kaum einer verließ in den vielen bewegenden Augenblicken die Veranstaltung vorzeitig.
Das Shoah-Denkmal auf dem Willi-Pohlmann-Platz in Herne ist seiner Bestimmung übergeben. Jetzt können die Passanten von dem Mahnmal Besitz ergreifen, so wie es sich Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrates der Juden, vorstellt: „Wer aus dem Strom der Passanten, die über den Platz gehen, ausschert, gibt ein Bekenntnis ab für die Opfer.“
Wegen des widrigen Wetters musste der Festakt unter dem Dach des Kulturzentrums stattfinden. Dicht gedrängt standen die gespannt wartenden Menschen in den Gängen des Saals und im Foyer, dort lauschten sie der Übertragung aus dem Lautsprecher. Eine Stunde lang hörten etwa 400 Personen den Grußworten der Festredner im Saal der Volkshochschule zu, anschließend folgte ein kleiner Gedenkakt im Schneeregen vor dem Mahnmal.
Dann konnte das Publikum unter die Lupe nehmen, worüber so lange berichtet worden war – allen voran die jüdischen Gäste, die aus Israel, aus Amerika und aus Deutschland gekommen waren. Sie gingen die Rampe hoch und blieben an der Betonwand mit den Okularen stehen. Sie suchten die einzelnen „Brenngläser“ ab nach bekannten Namen, wischten mit der Hand über das Glas und manchmal hörte man Rufe von jemand, der fündig geworden war: „Hier, das ist meine Mutter“. Oder: „Das war meine Nachbarin.“
Ein Brennglas schärft den Blick
„Ein Brennglas schärft den Blick“, hatte Knobloch zuvor gesagt. „Die Okulare geben einen Einblick in das Leben von 400 Bürgern, die verfolgt und ermordet wurden. Ich muss die Stadt Herne loben, sie hat – im Gegensatz zu anderen Städten - die Auseinandersetzung mit der dunklen Geschichte verstärkt und ein ehrliches Engagement gezeigt“, sagte Knobloch in ihrem Grußwort im Saal des Kulturzentrums. Sie hob auch die „akribische Quellenarbeit“ des Historikers Ralf Piorr hervor und beurteilte den Entwurf durch die Künstler und Designer Gabriele Graffunder und Winfried Venne als „sehr gelungen“.
Mitten im Alltag
Das Denkmal soll „unser Bewusstsein wachrütteln“ und „den Blick schärfen“, betonte Oberbürgermeister Horst Schiereck in seiner Eröffnungsrede, und das nicht nur in die Vergangenheit hinein, sondern auch, um „in unserer Zeit mögliche Gefahren menschenverachtender Gewalt zu erkennen und abzuwenden“.
Mit dem Denkmal setzt die Stadt ein nicht zu übersehendes Zeichen: Waren die zehn dezentralen Tafeln eher dezent, so entfaltet das zentrale Denkmal auf einem der größten und wichtigsten Plätze der Stadt, zwischen Kulturzentrum und der Sparkasse, eine markante und mahnende Funktion. Das sei auch so gewollt, wie
OB Schiereck betonte: „Das Denkmal stellt sich uns in den Weg, wenn wir den öffentlichen Platz queren, es steht mitten in unserem Alltag.“
Kulturstaatssekretär Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff fragte, Celan zitierend: „Wie gedenkt man der Opfer, deren ‚Grab in der Luft‘ ist?“ Wenn man sich den Toten der Shoah zuwenden wolle, sei es das Mindeste, ihre Namen und ihre Geburts- und Todesdaten zu nennen. Deshalb wolle er der Stadt Herne dafür danken, dass sie durch das Nennen der Namen an die Opfer erinnere und sich damit ihnen zuwende. Der Stadt Herne bescheinigte er, die Erinnerungskultur „auf vorbildliche Weise“ zu pflegen.