Wer sähe nicht gern das Märchen vom Sterntaler Wirklichkeit werden und ließe einen willkommenen Geldsegen auf sich herabregnen? In den Krisenzeiten nach Ende des ersten Weltkrieges regnete täglich in immer größeren Mengen Geld auf die Menschen herab. Ursache war ein gestörter Geldumlauf, der Geldmangel produziert hatte und staatliche Stellen, Städte und Firmen zur Herstellung von Ersatzzahlungsmitteln zwang. Bekannt ist das Notgeld aus Papier, dessen Umlaufmengen ebenso rasant anstiegen wie sein Wert abnahm. Neben Notgeld aus Papier gelangte weiteres Großgeld aus Seide, Leinwand, Pappe oder Leder in Umlauf. Mangels Verfügbarkeit von Kupfer und Nickel fertigte man auch Münzgeld aus Ersatzstoffen, wie Aluminium, Zink oder Eisen.
Ende des Jahres 1920 fügte die Staatliche Porzellan Manufaktur Meißen mit Notmünzen aus weißen Biskuitporzellan oder aus braunem Böttgersteinzeug dem Notgeldspektrum eine Besonderheit hinzu. Ein Satz dieses Notgeldes aus Böttgersteinzeug bewahrt das Emschertal-Museum auf. In einem Etui ruhen sieben Münzen mit den Werten 20 und 50 Pfennig sowie 1, 2, 5, 10 und 20 Mark. Die 5-, 10- und 20-Mark-Münzen tragen einen Goldrand. Auf den Vorderseiten sind sie mit dem Wert und der Umschrift „Sachsen“ versehen. Die Rückseiten tragen unterschiedliche Motive: eine Ährengarbe mit Sichel (20 Pfennig), eine Traube mit Spaten (50 Pfennig), ein Segelschiff (1 Mark), ein Adler im Nest (2 Mark), ein Putto mit Ähren (5 Mark), ein Schnitter mit Ährengarbe und Sichel (10 Mark) und schließlich eine stillende Frau (20 Mark). Auf den Rückseiten befinden sich ferner die Jahreszahl 1921 und die gekreuzten Schwerter als Marke der Manufaktur Meißen. Diese erscheint ebenfalls auf der Innenseite des Etuideckels.
Die Porzellan Manufaktur Meißen hatte Ende 1920 eine eigene Abteilung für die Herstellung von Notmünzen eingerichtet. Der Entwurf lag in den Händen des Malers und Bildhauers Paul Börner, für das Schneiden des Prägestempels zeichnete der Graveur Fritz Hörnlein verantwortlich. Die Masse, aus der die Notmünzen geprägt wurden, bestand aus einem speziellen rotgefärbten Ton (Bolus), dem geschlämmter Lehm zugefügt wurde – eine Mischung, die Johann Friedrich Böttger 1707 erfunden hatte und mit der seinerzeit die Produktion von Porzellan in der Meißener Manufaktur begonnen hatte. Die Münzen wurden mit dem Stempel geprägt, getrocknet und anschließend bei hoher Temperatur gebrannt, wobei sich ihre Größe um 1/6 verminderte. Als Endprodukt entstanden unporöse Münzen, die nicht glasiert zu werden brauchten. War danach
z.B. mit dem Goldrand noch ein Dekor aufzubringen, wurden die Münzen ein weiteres Mal bei geringer Hitze gebrannt.
Die gegen Verschmutzung unempfindliche braune Oberfläche der Münzen erwies sich als praktisch für ihre Verwendung als vielfach umlaufendes Zahlungsmittel. Dass sie tatsächlich im Umlauf waren, geht aus dem Reichsgesetzblatt von 1922 hervor, in dem Notmünzen aus Porzellan ausdrücklich unter den Zahlungsmitteln aufgeführt sind, die „als Ersatz für das vom Reiche, von der Reichsbank oder einer Privatnotenbank ausgegebene Geld verwendet werden ...“. Der vorzügliche Erhaltungszustand der hier vorgestellten Münzen spricht allerdings dafür, dass sie, wenn überhaupt, nur für kurze Zeit im Umlauf waren.
Notmünzen im Etui
Staatliche Porzellan Manufaktur Meißen, 1921.
Böttgersteinzeug
Münzen: Durchmesser 19 bis 31
mm.
Etui: 14 mal 9
cm.
© Stadt Herne, Emschertal-Museum,
Dr. Gabriele Wand-Seyer