Dass es darüber hinaus auch ein äußerst modernes Bauwerk war, beweisen so zukunftsorientierte Einrichtungen wie die Klimaanlage: "Das ganze Gebäude ist mit einer stationären Entstaubungsanlage noch kombiniertem Druck- und Saugluftsystem versehen; eine Ozonlüftung ist vorgesehen", weiß zum Beispiel die Festschrift dazu zu berichten. Außerdem war der Einbau eines Fahrstuhls vorgesehen und eine für damalige Zeiten keineswegs selbstverständliche elektrische Beleuchtung in allen Räumen des Hauses. Und damit im Rathaus nichts anbrennt, wurde der Dachstuhl über dem großen Sitzungssaal in Eisenbeton ausgeführt. Derartig vor Feuersbrünsten geschützt, sorgte andererseits eine Warmwasserheizung für wohlige Temperaturen in den Amtsstuben.
Nach nur 18-monatiger Bauzeit war der Ziegelstein-Massivbau im Oktober 1912 fertiggestellt. Mehr als 80 Firmen hatten sich beteiligt. Noch kurz vor Beendigung der Arbeiten gab es einen Todesfall zu beklagen, als der Polier Nodewald bei einem Sturz tödlich verunglückte.
Die eigentliche Einweihung fand am 6. Dezember 1912 statt, dafür dann mit allem Pomp, zu dem eine moderne Industriestadt damals fähig war. Dieses neue Rathaus "stellt uns nunmehr selbst Großstädten gleich", schwärmt die Herner Zeitung in ihrer Ausgabe vom 7. Dezember.
Unter der illustren Gästeschar befanden sich neben Oberbürgermeister
Dr. Karl Büren der Oberpräsident von Westfalen, Prinz von Ratibor und Corvey, und der Arnsberger Regierungspräsident von Bake. Mit von der Festpartie waren auch die Kollegen Oberbürgermeister aus Gelsenkirchen, Recklinghausen und Bochum.
Der Herner Oberbürgermeister unterstrich in seiner Ansprache vor rund 300 geladenen Gästen im Ratssaal die Bedeutung des neuen Rathauses mit den Worten: "Denn wir weihen das erste Rathaus und treten damit so recht eigentlich erst als gleichwertiges Glied in die Riege der älteren, westfälischen Städte ein."
Diplomatenvorspeise zum Festschmaus
Dem großen Ereignis angemessen war auch der Festschmaus für 200 geladene Gäste im Hotel Schlenkhoff. Die labten sich im Anschluss an die Feierstunde im neuen Ratssaal an dieser Speisenfolge: Diplomatenvorspeise (bestehend aus Caviar und Lachsbrötchen), Kraftbrühe mit Mark, gekochte Ochsenbrust auf flämische Art, Sauerländer Bachforelle blau mit frischer Butter, gefüllter Puter mit Salat und Dunstobst, Käseplatte, Nachtisch.
Leider ist nichts Genaues über die Zutaten des Nachtisches bekannt, dagegen können wir sagen, was es zu trinken gab: Sekt Henkell Trocken in reichlichen Mengen. Aber auch wer nicht zu der erlesenen Gästeschar zählte, musste nicht mit knurrendem Magen von dannen ziehen. Für die städtischen Bediensteten, die Beamten, Lehrlinge und Gehilfen wurde im Restaurant Wietelmann ein Bierabend gegeben. Auf städtische Kosten selbstverständlich. Und weil man an diesem Tag ohnehin großzügig gestimmt war, gab’s dienstlich verordnete Freizeit.
Ein Bauwerk nach Maß
Das Rathaus besteht aus einem dreigeschossigen Bau, dessen Stockwerke über ein repräsentatives Mittelbau-Treppenhaus erschlossen werden. Den Eingang bildet eine offene Halle mit Bogengang und einer vorgelagerten Freitreppe, zu deren Seiten zwei wappentragende Natursteinlöwen sitzen.
Zwei kleinere Sitzungssäle befinden sich im ersten, der große Ratssaal im zweiten Obergeschoss. Ganz oben im dritten Obergeschoss liegt der Zugang zur Zuhörertribüne. Der als Dachreiter angelegte Rathausturm war wohl eine Referenz an die Absicht der Stadtväter, an dieser Stelle einen sichtbaren städtebaulichen Orientierungspunkt zu setzen.
Das Rathaus steht stilistisch auf der Grenzlinie von Historismus und "neuer Sachlichkeit": Obwohl ein durchaus imposantes Bauwerk wurde bei der Konzipierung und Realisierung des Gebäudes ansonsten auf jede Art von Effekthascherei verzichtet, da man bewusst auf ein schlichtes und der Funktion entsprechendes Aussehen Wert legte.
Im Gegensatz zum Rathaus Wanne-Eickel hat das Herner Rathaus, das die Kriegsjahre unbeschadet überstand, in den letzten Jahrzehnten nur wenige Veränderungen erfahren. Ursprünglich standen früher auf der Plattform unterhalb des Rathausturmes zwei Statuen. Ein Sturm am 9. Dezember 1965 riss einer der Plastiken den Kopf ab, so dass danach beide Statuen aus Sicherheitsgründen entfernt werden mussten.