Die Schützenkette – gleichermaßen repräsentatives Kennzeichen wie Zierde an jedes Schützenkönigs Brust. Die Schützenkette findet ihren Ursprung vermutlich in den Ehrenketten des Mittelalters. Ausgehend vom Brauch der ritterlichen Ordensbrüder, eine Kette zu tragen, gingen gegen Ende des 15. Jahrhunderts Bürgermeister, Ratsherren, Zunftvorsteher und Vorsteher kirchlicher Bruderschaften dazu über, als äußeres Zeichen ihres Amtes eine Kette umzulegen. Da die Schützenbruderschaften in dieser Zeit zu den kirchlichen Bruderschaften zählten, trugen die Schützenkönige als Signum ebenfalls eine Kette.
Ob die Herner Schützen damals in einer kirchlichen Bruderschaft zusammengeschlossen waren, ist nicht überliefert. Bekannt ist hingegen, dass sie eine Bürgerwehr bildeten, die sich aus dem Kreis der ansässigen Bauern rekrutierte. Ihre Aufgabe lag in der Unterstützung der Amtsträger bei der Wahrnehmung polizeilicher, militärischer und ordnungsbewahrender Aufgaben. Die Herner Schützen unterstanden dem Befehl des Drosten zu Bochum als dem Repräsentanten des Landesherren. Bei ihren Einsätzen wurden sie von ihren als "Führer" bezeichneten Kommandeuren geleitet. Der älteste Hinweis auf Herner Schützen stammt aus dem Jahr 1505, als sie sich zusammen mit Amtsleuten, Richtern und Gerichtsfrohnen an einer Verbrecherjagd beteiligten.
Zur Kontrolle ihrer Einsatzbereitschaft erfolgten regelmäßige Musterungen auf der Bochumer Vöde, bei denen die Schützen den Umgang mit Armbrust, Pfeil und Bogen und in späterer Zeit mit der Büchse übten. Ein Scheiben- oder Vogelschießen ist für diese Treffen zwar nicht überliefert, aber wahrscheinlich.
Als die Sicherung der öffentlichen Ordnung im Laufe des 17. Jahrhunderts allmählich in die Verantwortung von Staatsbediensteten überging, verloren die Schützen ihre traditionelle Funktion. Dessen ungeachtet trafen sie sich weiterhin regelmäßig zu Schießübungen und geselligen Zusammenkünften und bildeten damit die noch heute gepflegten Vereinstraditionen aus. Bedingt durch die Napoleonischen Kriege, erlitt das Schützenwesen zwar einen Einbruch, blühte ab etwa 1820 jedoch wieder auf. Von der Obrigkeit ausdrücklich ermuntert, pflegte man intensiv das Scheiben- und Vogelschießen, die während der Kriegszeiten lange entbehrte Geselligkeit und – ganz im Sinne der Zeit – das harmonische Zusammentreffen aller sozialen Schichten.
Das erste aus dieser Zeit für Herne überlieferte Schützenfest fand im Jahr 1833 statt. Dokumentiert ist es durch einen Königsschild an der ältesten Herner Schützenkette des Bürgerschützenvereins "Weidmanns Heil", auf dem für jenes Jahr Engelbert Köster als König und Margaretha Kremer als Königin genannt sind. Insgesamt sind es zwölf Königsschilde in unterschiedlicher Form, die sich an der vorgestellten Kette finden. Die älteren Schilde aus der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts sind oval oder herzförmig, die jüngeren sind als Kartusche mit Blütenranken oder in Medaillenform gearbeitet. Elf Schilde tragen die Namen von König und Königin sowie das Jahr des Schützenfestes. Der jüngste Schild stammt von Hans Willi Sass und Hedwig Funke, dem Königspaar des Jahres 1938. Der zwölfte Schild, wohl vorgesehen für das Jahr 1940, blieb infolge des Zweiten Weltkrieges unbeschriftet.
Wie bei vielen Ketten alter Traditionsvereine, so thront auch bei der Herner Schützenkette über den Schilden eine schlichte, aus Silberblech getriebene Vogelfigur. Ihre Krallen ruhen auf dem Reststück einer älteren Stange, das man auf die für die Montage der Schilde vorgesehene Stange aufgelegt hat. Die Gestaltung des Vogels ähnelt auffallend jenen Vogelfiguren auf den Ketten des 17. und 18. Jahrhunderts, die die großen Schützengilden
z.B. des Rheinlandes noch heute bewahren. Obwohl sich die Herner Vogelfigur nicht genau datieren lässt, ist sie mit Gewissheit älter als die angehängten Königsschilde des 19. Jahrhunderts. Offenbar hat man 1833 bei der Anfertigung einer neuen Kette das Kleinod einer weitaus älteren Herner Schützenkette verwendet. Neben den ältesten schriftlichen Dokumenten aus dem 16. Jahrhundert besitzen wir damit ein weiteres Zeugnis des frühen Schützenwesens in Herne.
Schützenkette
Herne, 17. /18.
Jh. – 1938
Silber getrieben, graviert, gepunzt; Blech
Länge 41
cm, Breite 24
cm
© Stadt Herne, Emschertal-Museum,
Dr. Gabriele Wand-Seyer