„Niemand habe ich jemals darüber erzählt“
Mit 15 Jahren wurde auch Tamara Serjogina zwangsweise nach Herne deportiert. In einem Brief erinnert sie sich:
„Die Deutschen kamen in unsere Stadt Taganrog am 17. Oktober. Mein Vater ging mit der Bürgerwehr ins Hinterland. Aber ich blieb mit der Mutter. Mutter war Mitglied der Partei, und sie blieb und war in der Untergrundbewegung tätig. Aber Verräter entdeckten sie und lieferten sie aus. Mutter ist in den Händen der Gestapo umgekommen. Das Leben in Taganrog war sehr schwer und schrecklich. Am 11. April bin ich 15 Jahre alt geworden und am 30. April erhielt ich schon die Vorladung zur Vertreibung nach Deutschland. Die Deutschen sind sehr pedantisch im Organisieren. Täglich wurden bis zu 1.000 Menschen vertrieben. Die jungen Menschen gingen zu Fuß mit ihrem Hab und Gut, und die Soldaten fuhren mit einem Leiterwagen. Einmal am Tag wurde uns Essen ausgeteilt. Dann fuhren wir durch Russland, Polen bis Deutschland in Viehwaggons. Aus dem Waggonboden wurden Bretter heraus gebrochen, das war die Toilette!
Durch Deutschland fuhren wir in Personenwaggons bis zur Stadt Bad Salzuflen. Hier wurden wir von den Männern getrennt. Wir wuschen uns, wir wurden desinfiziert und in Baracken eingeteilt, die mit Stacheldraht umzäunt waren, auf dem nackten Boden und ohne Decken. Hier hielten wir uns zwei Tage auf. Am dritten Tag kamen „Herren“ und nahmen sich Arbeiter. Ich wurde mit einer Gruppe Mädchen dem Bevollmächtigten der Schachtanlage Schamrock 3/4 in der Stadt Wanne-Eickel übergeben, wohin wir dann gebracht wurden. Alle waren noch hungrig, und erst gegen neun Uhr abends bekamen wir Kaffee und Brot zu essen. Die Baracken waren schmutzig, und es gab sehr viele Wanzen. Wir bekamen Arbeitskleidung, und nach einem Tag wurden wir zur Arbeit getrieben.
Nach der Arbeit saßen wir in den Baracken, sangen Lieder, hatten Heimweh und weinten. In der Stadt Spazierengehen wurde uns nicht erlaubt, einige versuchten zu fliehen, aber sie wurden schnell gefangen und bei der Rückkehr bestraft. Wir hatten ein Abzeichen auf der rechten Seite: OST.“
Tamara Serjogina wurde später als Haushaltsgehilfin zu einem Bäcker nach Wanne-Eickel überstellt und wurde nach Querelen in das
KZ Hattingen überführt. Sie erlebte das Kriegsende wieder in Wanne-Eickel und kehrte im Oktober 1945 in ihre Heimat zurück.