Wichtige Hinweise .
Seitenübergreifende Links .
Suchfunktion .
Dokumenteninhalt .

Spurlos verschwunden im Kanalnetz von Herne...

Frau in Schutzkleidung schaut aus dem Kanal nach oben.

Wir sind vor nichts fies: Die Autorin dieser werten Zeilen steigt in die Tiefe hinab.

Stadtentwässerungsmitarbeiter auf dem Bauhof

Über der Erde scheint die Sonne - und da riecht's bestimmt auch viel besser.


Von Silke Bender (Text) und Thomas Schmidt (Fotos)

Mitarbeiter der Entwässerung gehen dem Untergrund jeden Tag auf den Grund:
Eine Geschichte zwischen Abscheu und Faszination

Zu gut erinnere ich mich noch an diese Herbstbilder aus dem letzten Jahr: starke Regenfälle, verstopfte Abläufe, kleine Seen auf den Straßen. Mitten in ihnen watend und erst einmal den Gully suchend: grell-orange gekleidete Mitarbeiter aus dem Bereich Stadtentwässerung. Sie taten mir leid. Wasser von oben, Wasser von unten – tauschen? Nein, danke, lieber im trockenen Auto bleiben. Mein Mitleid war wohl fehl am Platz. Wer unter der Regie von Kanalmeister Uwe Erdmann, 39, arbeitet, der macht seinen Job. Und sogar gerne.

„Wenn jemand für diesen Job nicht geeignet ist, stellt sich das ziemlich schnell raus“, meint der gelernte Straßenwärtermeister, der seit zehn Jahren als Chef sein Betriebspersonal am Bauhof in Sodingen einteilt. 80 Mitarbeiter gehen Am Trimbuschhof 19 ein und aus, 45 von ihnen schwärmen in Sachen Straßenunterhaltung aus, 35 in Sachen Entwässerung. Letztere haben gemeinhin Aufgaben, die immer mit einem Naserümpfen verbunden sind: Kanalreinigung, Kanalinspektion, Kanalkontrolle.
Kanal – da sammeln sich der Dreck, das Abwasser, die Fäkalien aller daran angeschlossenen Haushalte und Firmen. Wohl eher die typische Igitt-Vorstellung, drapiert mit einer Ratte. Andererseits: Das Kanalnetz unter der Stadt, dunkel, verwinkelt, spannend, ein beliebter Drehort für Action- oder Kriminalfilme. Abscheu und Faszination – Kanäle werden wohl auf ewig zwischen diesen beiden Emotionen liegen.

Zwei Stadtentwässerungsmitarbeiter am Reinigungswagen

Christoph Möschke und Wilhelm Rubach bereiten die Inspektion eines Kanalabschnitts vor und sorgen natürlich zuerst einmal für: Licht. Ist schließlich ziemlich düster da unten.

Zwei Stadtentwässerungsmitarbeiter mit Geräten am Schacht

Im Anschluss daran kann der Spülschlauch hinabgelassen werden, 330 Liter Wasser pro Minute reinigen den Kanal.


Eine üble Duftwolke
Abscheu. Christoph Möschke und Wilhelm Rubach demonstrieren das Reinigen eines Kanals. Schachtdeckel hochhieven, Schmutzfänger entfernen, Spülschlauch runter- und in die Haltung einfahren lassen. Haltung bezeichnet hier den Kanalabschnitt von Schacht zu Schacht, 11.000 Schächte gibt es insgesamt in Herne und 18.000 Abläufe, besser bekannt als Gullys. Jedenfalls, als die beiden dann ihr Hochdruckspül-Saugfahrzeug (drei davon gibt’s bei uns) so einstellen, dass der Schlauch samt installierter Düse wieder zurückgezogen wird und das Rohr unter der Erde mit einem Druck von 170 bar und 330 Litern Wasser pro Minute gereinigt wird – kommt bei uns am Schacht eine üble Duftwolke hochgeschossen. Möschke und Rubach verziehen keine Miene, ich hingegen muss natürlich die Nase rümpfen und versuche, so unauffällig wie möglich einige Meter zurückzuweichen. „Wenn man jeden Tag damit arbeitet, fällt einem der Gestank nicht auf“, meint Winfried Wieczorek. „Aber nach einer Woche Urlaub, da riecht man’s dann.“

Winfried Wieczorek ist für die Kanalinspektion zuständig - wie in einem echten Ü-Wagen vom Fernsehen setzt er sich im Kanal-TV-Wagen vor die Monitore.

Kamera wird in den Schacht hinabgelassen.

Die Kamera wird in die Kanalisation hinabgelassen und beginnt gleich ihre Reise durch die Rohre.


Bunte Bilder aus dem Untergrund
Wieczorek ist für die Kanalinspektion zuständig und heute mit Kollege Frank Goldmann in seinem Kanal-TV-Wagen unterwegs. Für die bunten Bilder aus dem Untergrund sorgen in Herne zwei Fahrzeuge, der Anschaffungspreis lag vor fünf Jahren bei 350.000 DM. Kameratechnik wird allerdings bereits seit 15 Jahren eingesetzt, seit 12 Jahren kann das Auge unter Tage auch gedreht und geschwenkt werden.
Nachdem die Kamera auf ihrem vierrädrigen Fahrwagen in einem 1955 gebauten 300er Kanal (Durchmesser 300 mm) verschwunden ist, setzt sich Wieczorek wie in einem echten Ü-Wagen vom Fernsehen vor die Monitore und beginnt, „seine Meter zu machen“. Um Überblick über die Kontrolle, Reinigung und Inspektion des rund 400 Kilometer langen Kanalnetzes zu behalten, ist es notwendig, alle Arbeiten genau zu protokollieren. Die Kollegen, die ohne moderne Technik ihrer täglichen Aufgabe nachkommen, halten die Ergebnisse auf papiernem Kartenwerk fest, Kanalinspekteur Wieczorek kann auf Videoaufnahmen und ausgeklügelte Software zur Erfassung zurückgreifen.

„Mit der Kamera erreiche ich maximal eine Geschwindigkeit von 1,5 Metern pro Sekunde“, erklärt der Experte, dem schon so einiges vor die Linse gekommen ist. Ratten zum Beispiel, aber auch Kröten. Das Foto eines Exemplars letzterer Gattung, geschossen am Voßnacken, stößt auf allgemeine Begeisterung. Die Kröte sieht aus, als würde sie denken: Nix wie weg hier, da kommt jemand!

Bei unserem unterirdischen Ausflug in der Nähe des Bauhofes gibt’s aber keine Überraschungen, obwohl Wieczorek zoomt wie ein Weltmeister und behauptet, er könne jeden Pickel erkennen. Alles normal, keine Anzeichen von Rissen, alle in den Kanal führenden Stutzen sind in Ordnung. Ich lerne, dass die meisten Kanäle in Herne ein Kreis- oder Eiprofil besitzen, die wenigsten ein Kasten- oder Maulprofil. Ich lerne auch, dass der Wasserlauf entlang der Sohle führt, die rechten und linken Seiten Kämpfer genannt werden, die Decke Scheitel heißt. Und einsetzbar ist die wertvolle Kamera in Kanälen mit Durchmessern von 80 bis 1500 mm.

Frau in Schutzkleidung steigt in den Kanal hinunter.

Der Abstieg beginnt - gleich geht's im Watschelgang durch ein Rohr mit einem Durchmesser von 1,20 m. Ob die Wassermassen kommen und mich davonspülen?

Foto der Kanal-Kamera - eine Kröte läuft weg.

Ob ich diesem süßen Kollegen wohl begegnen werde? Naja, er scheint bereits zu flüchten...


Watschelgang in 1,20 m dunkler Enge
Womit wir schon bei den faszinierenden unterirdischen Gängen wären, denn ab einem 1000er Durchmesser gelten die Kanäle als begehbar. Ich frage mich ernsthaft, wie das gehen soll. Ich selbst klettere nämlich wenig später unter Begleitschutz von Christoph Möschke in einen 1200er hinein – und finde den Watschelgang in der 1,20 Meter runden dunklen Enge schlicht unerträglich.

Wir befinden uns unter der Von-Waldthausen-Straße in Nähe des Landwehrbaches. Mein Begleiter hat zum Glück eine Lampe dabei. Er leuchtet in den Kanal hinein, der gut 20 Meter entfernt von uns eine Biegung macht. In der Ferne rumpelt es mysteriös. Vor meinem inneren Auge rollen die Wassermassen an, die mich gleich mitreißen werden. Spurlos verschwunden im Kanalnetz von Herne – ja, so wird’s passieren, da bin ich sicher...

Es passiert nichts. Aber es stinkt. Mit meinem Helm touchiere ich andauernd den Scheitel des Kanals, mit meinen Gummistiefeln patsche ich im Schlamm herum. Jetzt verstehe ich, was Kanalmeister Uwe Erdmann mir zuvor erklärt hat: Durch das Aufwühlen des Schlammes könnte Schwefelwasserstoff aufsteigen – ein hochgiftiges Gas, das man nicht riecht, das aber beinahe wie Blausäure wirkt. Damit niemand plötzlich im Kanal umkippt, wird vor jedem Abstieg in die Kanalisation ein Messgerät in den Schacht heruntergelassen. Fünf Gase zeigt das Gerät an – unsere Luft ist rein. Allzu lange muss der Aufenthalt hier unten wegen meiner dennoch nicht dauern – ich bin froh, als ich an den Einstiegshilfen wieder nach oben klettere. Ganz schön eng, so ein Schacht...

Kran mit Gullyeimer vor blauem Himmel

Ein Sinkkastenreiniger ist eine praktische Sache. Ein Kran zieht den Eimer unterm Gullydeckel automatisch raus und entleert ihn. 60 Liter Schmutz, Dreck und Laub passen in so einen Eimer hinein, das Ganze wiegt bis zu 80 kg.

Schachtdeckel voller Laub

Alles voller Laub - im Herbst ist dieser Anblick keine Seltenheit. Meist fallen die Blätter in einem Schwung von den Ästen und sorgen so für ziemliche Verstopfung.


Regen, Laub und die Gullys
Am Nachmittag setzt Regen ein. Jetzt hätte ich keine Chance mehr, ein Kanalrohr von innen zu sehen, denn bei Regen ist der Einstieg streng untersagt. Das Wasser von oben wird nun wohl eher dazu führen, dass Dirk Kasperczak und Davut Yilmaz viel zu tun haben. Sie sind im Sinkkastenreiniger unterwegs – dem Fahrzeug, das den Gullys zu Leibe rückt. Per Kran wird der Eimer unter dem Gullydeckel herausgezogen und dann automatisch entleert. 80 Kilo kann der Inhalt bei voller Auslastung wiegen. Gerade im Herbst hat ein verstopfter Ablauf aber häufig nichts mit einem randvollen Eimer zu tun. Das Laub, das sich in den letzten Wochen wieder so massiv von den Bäumen trennte, legt sich gerne in Schichten aufs Rost. Regen, Blätter, Regen, Blätter – schon ist alles dicht. Dann rücken Kasperczak und Yilmaz aus. Grell-orange gekleidet waten sie im kleinen See auf der Straße und suchen nach dem Gully.

Zwei Stadtentwässerungsmitarbeiter mit Geräten zur Kanalreinigung
Reihe von Apsperrungsgittern auf dem Bauhof

Von der Kanal-Kamera aufgenommenes Foto von der Reinigung
Foto der Kanal-Kamera zeigt eine Ratte.

TagCloud .
Fußzeile .