Rede von Oberbürgermeister Schiereck gehalten am 29. Januar 2010 im Saal der Volkshochschule und auf dem Willi-Pohlmann-Platz, Herne-Mitte
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
ich freue mich aufrichtig und ich bin sehr dankbar, dass Sie alle an dieser für Herne wichtigen Feierstunde zur offiziellen Einweihung des Shoah-Denkmals teilnehmen.
Besonders glücklich sind wir alle über die Teilnahme ehemaliger jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger. Ich danke Ihnen – auch im Namen der Stadt Herne – dass Sie den weiten Weg zu uns nicht gescheut haben.
Ich begrüße sehr herzlich
Frau Melanie Bea aus Stuttgart,
Frau Channa Birnfeld aus Hamburg,
Frau Esther Goldschmidt aus Bistoft,
Frau Esther Hochermann, die aus Israel anreiste,
Herrn Keith Kahn, der aus England gekommen ist und
Herrn Gunter Ruf aus den
USA
Ebenso herzlich heiße ich auch Ihre Angehörigen willkommen, die Sie begleitet haben.
Viele ehemalige jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger haben uns ihre Grüße geschickt. Sie bedauern, dass Sie heute aus gesundheitlichen Gründen nicht zu uns reisen konnten, darunter sind auch Liesel Spencer und Kenneth Ellington, die ich bei zurückliegenden Gedenkfeiern bereits kennengelernt habe.
Aber auch viele andere jüdische Freunde, die viele von Ihnen kennen und schätzen, können heute nicht hier sein, wie die Familie Schnur, Irmgard Ray, Walter Nussbaum und Silvia Migdalek.
Ihre Gedanken sind heute bei uns. Und wir schließen sie und ihre Familien auch in diese Feierstunde mit ein.
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Viele Ehrengäste haben unsere Einladung angenommen.
Anwesend sind Vertreter der jüdischen Kultusgemeinden und der christlichen Kirchen, Gäste aus Politik und Wirtschaft, aus Kunst und Kultur.
Viele von Ihnen sind aus ganz
NRW oder von weiter her angereist.
Ich bitte sehr um Ihr Verständnis, dass ich Sie nicht alle namentlich begrüßen kann.
Wir freuen uns, dass Sie bei uns sind.
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Ganz besonders aber darf ich Frau
Dr. Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland, begrüßen.
Frau Dr. Knobloch, es ist eine wunderbare Geste, dass Sie zu diesem Festakt nach Herne gekommen sind. Ich sage herzlichen Dank, auch im Namen unserer jüdischen Gäste.
Ebenso danke ich Herrn Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff, Staatsekretär für Kultur des Landes Nordrhein-Westfalen, für seine Anwesenheit.
Sie, Herr Grosse-Brockhoff – wie auch Frau
Dr. Knobloch – werden gleich ein Grußwort an uns richten. Vielen Dank dafür.
Vertreten ist auch die Bezirksregierung Arnsberg. Ich danke der Vize-Regierungspräsidentin Frau Karola Geiß-Netthöfel für ihre Teilnahme.
Der Botschafter des Staates Israel, Herr Yoram Ben-Zeev, hat uns aus Berlin ein herzliches Grußwort geschickt. Leider ist er nicht abkömmlich, hofft aber sehr, bei einem seiner nächsten Besuche in Nordrhein-Westfalen die Gedenkstätte aufsuchen zu können.
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Verehrte Gäste,
ich möchte zu dieser Feierstunde gern auch all jene begrüßen, die sich hier in unserer Stadt in den letzten Jahren für das Projekt „Erinnerungsorte“ und für das zentrale Denkmal für die Opfer der Shoah eingesetzt haben.
Allen voran der Historiker Ralf Piorr, der das Projekt ins Leben rief und bis heute an der Aufarbeitung des jüdischen Lebens in Herne arbeitet. Er hat auch alle Besuche der jüdischen Gäste begleitet.
Ich danke aber auch den vielen beteiligten jungen Menschen, die die Gedenktafeln für die „Erinnerungsorte“ entworfen haben. Einige Schüler und Schülerinnen nehmen heute stellvertretend an dieser Gedenkfeier teil.
Und ich begrüße all jene, die dieses Projekt ideell, aber auch ganz praktisch und organisatorisch unterstützt haben:
- so die Mitglieder des Rates der Stadt Herne, die den Beschluss fassten,
- die Mitarbeiter vieler Fachbereiche aus der städtischen Verwaltung, die den Prozess über die Jahre begleitet haben
- und auch unseren Alt-[OB, Wolfgang Becker, in dessen Amtszeit die Entscheidung des Rates fiel, dezentrale Erinnerungsorte zu schaffen und ein zentrales Denkmal für die Opfer der Shoah errichten zu lassen.
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Auf Empfehlung einer unabhängigen Jury entschied sich der Rat für den Entwurf der Künstler Winfried Venne und Gabriele Graffunder aus Wuppertal.
Ich begrüße sehr herzlich Frau Gabriele Graffunder und Herrn Winfried Venne.
Sie haben ein ganz besonderes Denkmal entworfen, das wir gleich gemeinsam betrachten wollen.
Das Memorial besteht aus einer Rampe, auf der die Namen der Konzentrationslager mahnen. Darüber erhebt sich eine Steinplatte mit 410 Okularen, in denen wir alle Namen der verfolgten und von den Nazis ermordeten jüdischen Mitbürger lesen.
Durch die Nennung eines jeden Namens, des Todestages und des Sterbeortes werden die Menschen aus der Anonymität herausgehoben und in den Fokus des Betrachters gerückt. Wir müssen nah herantreten, um die Namen zu entziffern, wir müssen uns einlassen auf die Geschichte der Opfer. Zugleich entsteht mit dem neuen Denkmal ein verbindendes Element zu den dezentralen Gedenktafeln im Stadtgebiet.
Neben den beiden Künstlern danke ich auch den ausführenden Firmen, die den Bau der Gedenkstätte realisiert haben.
Und nicht zuletzt gilt unser Dank der Herner Sparkasse, deren Vertreter, Herrn Mulski und Herrn Blanquez, die ich ebenfalls herzlich begrüße.
Wir danken allen Mitgliedern der Stiftung Kunst und Kultur der Herner Sparkasse, die großzügige Mittel für den Bau der zentralen Gedenkstätte auf dem Willi-Pohlmann-Platz bereitstellte.
Ich möchte noch erwähnen, dass die heutige Veranstaltung musikalisch begleitet wird von einem Ensemble der Städtischen Musikschule unter Leitung von Christian Ribbe.
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Liebe Ehrengäste,
liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger
meine sehr geehrte Damen und Herren,
es sind 65 Jahre vergangen, seit am 27. Januar 1945 Soldaten der Roten Armee in dem polnischen Ort Oswiecim, 60 Kilometer westlich von Krakau, ein Konzentrationslager betraten.
Was sich ihnen bot, war ein Bild des Grauens. Es war der größte Friedhof der menschlichen Geschichte. Seitdem ist im Lauf der Jahrzehnte „Auschwitz“, der deutsche Name des Ortes, im internationalen Sprachgebrauch zur zentralen Metapher für Unmenschlichkeit und das Böse in unserer Zeit geworden.
Alljährlich – am 27. Januar – gedenken wir auch in Herne der Opfer der Shoah.
Der Tag soll uns erinnern an das Leiden und den millionenfachen Tod unserer jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger unter dem nationalsozialistischen Terrorregime.
Wir erinnern uns. Wir mahnen. Aber wir schauen auch nach vorn.
Der Gedenktag „27. Januar“ und auch das Shoah-Mahnmal, das wir heute auf dem Willi-Pohlmann-Platz vor dem Herner Kulturzentrum an einem sehr zentralen Platz in unserer Stadt einweihen wollen, sollen unser Bewusstsein wachrütteln.
Das Denkmal stellt sich uns in den Weg, wenn wir den öffentlichen Platz queren, es steht mitten in unserem Alltag. Unser Blick fällt darauf.
Unser Blick schärft sich, nicht nur in die Vergangenheit hinein, sondern auch um in unserer Zeit mögliche Gefahren menschenverachtender Gewalt zu erkennen und abzuwenden.
Der 27. Januar und das Shoah-Denkmal rufen nicht nur zur Erinnerung.
Sie mahnen uns auch, laut und deutlich „Nein!“ zu sagen gegen rechte Gewalt.
Hingegen wollen wir ein klares und vernehmliches „Ja!“ rufen, wenn man uns nach Toleranz, Würde und Anerkennung und dem Miteinander der Kulturen in unserer Stadt fragt.
Denn die Tatsache, dass vor gar nicht so langer Zeit in der Mitte Europas eine große Zahl von Menschen sich zu nahezu unglaublich barbarischem Handeln bewegen ließ, muss im Bewusstsein der jungen Generation verhaftet bleiben.
Es ist verständlich, dass junge Menschen dem grauenvoll Unbegreiflichen ausweichen möchten, weil es unbequem ist, weil es aus unserem Alltagsleben heraus scheinbar nicht vorstellbar ist.
Und doch geschehen bis heute immer wieder Übergriffe rechter Gewalt, werden Menschen drangsaliert, zusammengeschlagen, verfolgt, terrorisiert, ermordet, weil sie anderer Herkunft, Kultur und Glaubens sind.
Das Bewusstsein für diese Gefahren muss deshalb rechtzeitig geschärft werden.
Wir stehen in großer Verantwortung, unseren Kindern den Wert eines jeden Lebens deutlich zu machen.
Die intensive Beschäftigung mit dem dunklen Teil der deutschen Vergangenheit kann dazu beitragen, Jugendlichen ihren eigenen Standort bewusster zu machen: Denn unsere Gegenwart ist zu weiten Teilen aus der grausamen Erfahrung mit dem NS-Regime gestaltet worden.
Meine Damen und Herren,
mit dem Projekt „Nahtstellen, fühlbar, hier…“ und der Schaffung dezentraler Erinnerungsorte haben wir in unserer Stadt einen Weg beschritten, den man im Bereich der „Erinnerungskultur“ durchaus beispielhaft nennen kann.
Wir sind damit ein kleines, aber sehr wichtiges Stück auf dem langen Weg der Erinnerung vorangekommen.
Wir haben viele junge Menschen erreicht, sie haben mitgearbeitet, sie taten dies im Gedenken
- an die jüdischen Gemeinden in Herne und Wanne-Eickel,
- in Erinnerung an die Menschen, an ihr Leben und Wirken
- und zugleich im Gedenken an alle Opfer von Ausgrenzung, Verfolgung und Deportation.
Die Schülerinnen und Schüler errichteten an den historischen Orten und zugleich mitten im aktuellen Stadtleben zehn Gedenktafeln.
Die Tafeln erzählen die Lebensgeschichte der jüdischen Mitbürger, die seinerzeit an diesen Orten lebten. An konkreten Beispielen erfahren wir die Geschichte des jüdischen Lebens in unserer Stadt, welches durch die Shoah zur Gänze vernichtet wurde.
Eine Reproduktion der Tafeln sehen Sie im Foyer in einer kleinen Ausstellung.
Unter anderem entstanden im Jahr 2006 auch zwei Tafeln zur Geschichte der ehemaligen Synagogen in Herne und Wanne-Eickel.
Es bleibt nicht nur das Bild der beiden ehemaligen Synagogen in der Öffentlichkeit erhalten, vielmehr berichten die Gedenktafeln auch von zwei besonders aktiven Gemeinden, die ein maßgeblicher Teil der städtischen Entwicklung von Herne und Wanne-Eickel waren.
Deshalb möchte ich auch erwähnen, dass es seit ein paar Jahren durchaus noch weitere wichtige Zeichen sowohl für eine Erinnerungskultur als auch für ein erstarktes jüdisches Leben in unseren Städten gibt.
So feierte die Jüdische Gemeinde Bochum-Herne-Hattingen im Dezember 2007 die Einweihung ihrer neuen Synagoge in Bochum.
Ich war zu dieser Feierstunde eingeladen und tief beeindruckt von der Kraft und dem starken Glauben der Menschen. Ich war beeindruckt von der herzlichen Offenheit und Gastfreundschaft der Jüdischen Gemeinde. Die Synagoge Bochum ist ein Begegnungszentrum der Kulturen.
Heute nun wollen wir ein weiteres wichtiges Zeichen mit dem zentralen Mahnmal für die Opfer der Shoah aus Herne und Wanne-Eickel setzen.
Dieser Ort des Gedenkens soll allen 401 namentlich bekannten Opfern der Shoah aus unserer Stadt gewidmet sein.
In zeitlicher Nähe zum Gedenktag der Befreiung von Auschwitz übergeben wir das Shoah-Denkmal der Öffentlichkeit.
Und ich möchte noch einmal betonen, dass wir überaus dankbar sind, die feierliche Einweihung in Anwesenheit ehemaliger jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürgern vornehmen zu dürfen.
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Meine sehr geehrten Damen und Herren,
wir alle wissen, eine lebendige Erinnerungsarbeit endet nicht mit dem Bau neuer Synagogen in Deutschland.
Sie ist auch nicht damit beendet, dass wir nun in Herne viele dezentrale Orte der Erinnerung geschaffen haben und ein zentrales Mahnmal für die Opfer der Shoah geschaffen wurde.
Die neue Synagoge in Bochum und das Herner Shoah-Denkmal sind wichtige und weithin sichtbare Symbole. Aber darin darf sich unsere Erinnerungsarbeit zu diesem schrecklichsten Kapitel deutscher Geschichte nicht erschöpfen.
Was allein wichtig ist: Diese Symbole müssen wir immer wieder mit lebendigem Dialog aufladen.
Die Beschäftigung mit dem dunklen Teil der deutschen Vergangenheit unterstützt junge Menschen dabei, sich ihres eigenen Standortes bewusster zu werden.
Die Beschäftigung mit der Vergangenheit bietet uns allen die Chance, die richtigen und stabilen Grundsteine für unsere Zukunft legen.
Deshalb ist es wichtig, dass sich auch zukünftig am 27. Januar alle Generationen treffen, um der Opfer zu gedenken und dass wir alle gemeinsam für eine friedliche Zukunft unserer Kulturen und unserer Religionen eintreten.
Unsere Erinnerungsarbeit endet nicht im Gedenken an die Toten.
Sie entwickelt Zukunft im lebendigen Miteinander.
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
Nichts ist heil.
Das Denkmal stellt sich uns in den Weg.
Es ist nicht glatt.
Es zeigt die Wunden der Geschichte.
Es nennt die Namen der Opfer.
Wir sehen den David-Stern.
Wir lesen fünf hebräische Schriftzeichen.
Es ist ein Satz aus der jüdischen Liturgie.
Wir stehen hier im Gedenken an die jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger, die in den Jahren 1933 – 1945 aus Herne und Wanne-Eickel verschleppt und ermordet wurden.
„Ihre Seelen seien eingebunden in das Bündel des Lebens“.
Ich bitte Sie um eine Schweigeminute für die Opfer der Shoah.