Seit 20 Jahren kümmern sich die Experten des Fachbereichs Umwelt um die ökologischen Belange in Herne. Die Liste ihrer Aufgaben ist ebenso lang wie die der großen Projekte, die sie bereits mit Erfolg bearbeitet haben. Um zu zeigen, wo sie unter anderem aktiv sind, hat der Fachbereich eingeladen, im Fahrradsattel Ecken zu entdecken, die Hernes Umweltschützer von Amts wegen entscheidend verändert haben - oder sie dabei sind, den ökologischen Wandel zu vollziehen.
Der Wind treibt die Wolken an diesem Vormittag im Juli 2009 schnell über den Herner Himmel. Von Westen her verkünden dunkle, tiefhängende Knäuel wenig Gutes für das Wetter. Dementsprechend bange blicken die Versammelten an der Künstlerzeche in Unser Fritz gen Himmel. Der Fachbereich Umwelt hat eingeladen, im Radsattel zu entdecken, wo er im Wanner Westen entscheidend dazu beigetragen hat, dass sich einst industriell genutzte Flächen in grüne Oasen verwandelt haben, wo dies gerade geschieht oder wo eine Folgenutzung ermöglicht worden ist. Umweltdezernent Jan Terhoeven ist erschienen, um einen Fotoreporter und drei Redakteure unter Obhut von Gerd Werner, dem Leiter des Fachbereichs Umwelt, auf die Strecke zu schicken. Vervollständigt wird das Starterfeld durch drei Abteilungsleiter des Fachbereichs sowie zwei weitere Mitarbeiter. Regen setzt ein - es geht los.
Idyllisches Biotop am ehemaligen Wendebecken
Erläuterung auf dem Gelände Unser Fritz 1/4
Das erste Etappenziel befindet sich nur wenige Pedalumdrehungen weiter auf der südlichen Seite des Rhein-Herne-Kanals. Wo einst das Wendebecken für den Zechenhafen Unser Fritz war, liegt heute ein Feuchtbiotop. Abgetrennt von der Wasserstraße hat sich hier ein Lebensraum für Amphibien entwickelt. Die Umweltexperten haben dabei tatkräftig mitgeholfen. Sie sorgten dafür, dass die einst steinige Uferböschung inzwischen üppig bewachsen ist. Ein alter Teich neben dem Bassin ist dank ihrer planerischen Eingriffe nicht mehr für jedermann erreichbar, so dass er sich nun als Laichgewässer eignet.
Natur umgibt den Malakoffturm
Noch regiert auf Unser Fritz 1/4 die Natur
Wer meint, der Fachbereich Umwelt sorge nur dafür, dass sich Lurche im Wanner Norden wohlfühlen, wird auf der nächsten Etappe eines Besseren belehrt. Normalerweise ist das Gelände der ehemaligen Zeche Unser Fritz 1/4 nicht zugänglich. Doch für das Fahrerfeld gibt es eine Ausnahme. Der Regen hat zeitweilig aufgehört und Sonnenstrahlen bescheinen das Areal, auf dem der Malakoffturm etwas verloren wirkt. Er steht unter Denkmalschutz, ist eingezäunt und das einzige sichtbare Relikt des Bergbaus. Von unsichtbaren Relikten berichtet Jürgen Padligur, im Fachbereich Umwelt für die Altlasten zuständig. Hier stand eine Kokerei, die das Erdreich belastete. 2003 wurde die Bodensanierung auf dem Zechengelände abgeschlossen. Der belastete Boden ruht sicher, durch verschiedene Materialschichten und Planen geschützt und begrünt, in einer Halde. Sicherungsbauwerke nennen das die Experten. Nun wartet das Gelände, das sich die Natur zurückerobert hat, darauf, als Gewerbegebiet genutzt zu werden. Für die Vegetation, die dadurch verschwindet, müssen übrigens Ausgleichsflächen geschaffen werden.
Sandhügel auf der Thyssenhalde
Mit diesen Bahnen wird abgedichtet
Auf dem Wanit-Gelände, dem nächsten Ziel, musste auch Boden abgetragen und sicher verwahrt werden - im Prinzip das gleiche Vorgehen wie am alten Bergwerksstandort. Allerdings befassten die städtischen Umweltschützer sich hier nicht mit Kokereirückständen wie Benzol & Co. Asbestzement verarbeitete die Firma Wanit im Westzipfel Wannes bis in die späten 80er-Jahre. Einst wegen seiner Feuerbeständigkeit gepriesen, ist Asbest längst als krebserregend geächtet - und daher ein Umweltproblem. Die Produktionsrückstände und Gebäudeteile lagern inzwischen in Sicherungsbauwerken. In ihrer Nachbarschaft wird ein Logistikzentrum entstehen. Dafür sind die Vorarbeiten beendet. Eine Straße liegt, und die Laternen stehen auch schon. Bislang bescheinen sie nur ein Betriebsgebäude, weitere werden folgen. Der Tross der Radler schwingt sich wieder in die Sättel.
Als hätte er geahnt ...
... dass es auf der Wanne-Eickeler Mondlandschaft der Thyssenhalde heftig regnen würde
Die Thyssenhalde erhebt sich hinter dem Gelände der ehemaligen Zeche Pluto-Wilhelm in Bickern. Viele halten den Riesenhügel daher für Abraum. Das ist er aber nicht. Früher pumpte das Thyssen-Stahlwerk "Schalker Verein" aus Gelsenkirchen Gichtgas-Schlamm hierher. Er entstand beim Stahlkochen und ist angereichert mit Zyanid und Blei. Nun wird die Deponie renaturiert und als begehbare Grünfläche hergerichtet. Noch umzieht ein für Radler holpriger Weg die künstliche Erhebung, aber noch ist sie ja auch eine Riesenbaustelle, die nicht zugänglich ist. Spezielle Planen werden über das Erbe der Industrie gezogen und absolut dicht miteinander verschweißt. Betonitbahnen werden ebenfalls ausgelegt. Kein Wasser soll später an den getrockneten Schlamm gelangen können, sonst könnten Schadstoffe das Grundwasser belasten. Ein LKW nach dem anderen schafft Rostasche, die in Kratfwerken anfällt, heran. Sie wird auf den Planen verteilt. Weiteres Deckmaterial folgt und als Abschlussschicht kommt Erde darauf, damit sich Vegetation entwickeln kann. 2011 soll alles fertig sein. Bis dahin werden zwei Millionen Tonnen Material bewegt. Wie es auf dem Gelände, groß wie 20 Fußballfelder, aussehen wird, lassen Stellen erahnen, die bereits renaturiert sind. Auf dem Großteil der Fläche dominiert aber noch schwarze, grobkörnige Asche das Bild. Es sieht aus wie auf dem Mond von Wanne-Eickel und auf dem werden die Radler Opfer des Regens.
Eine Wasserprobe auf dem Hibernia-Gelände
Fachbereichsleiter Gerd Werner bei der sensorischen Prüfung
Getrocknet und gestärkt geht die wetterbedingt leicht gekürzte Tour auf dem Hibernia-Gelände in Holsterhausen zu Ende. Die einstige Chemiefläche wird bereits anderweitig genutzt. Systemgastronomie und ein Sportartikelgeschäft haben sich angesiedelt. Nur weil es hier nicht mehr nach Chemie riecht, heißt es nicht, dass sie nie da war und keine Rückstande hinterlassen hat. Auch hier wurde der Boden gründlichst saniert. Damit sicher keine gefährliche Belastung mehr vorliegt, wird regelmäßig gemessen und untersucht. So prüft der Fachbereich Umwelt als Untere Wasserbehörde im festen Turnus das Grundwasser. Auf der gesamten Fläche gibt es dafür Messrohre. Regina Langner nimmt eine Wasserprobe und bietet an, daran zu schnüffeln. Es riecht nicht wie Leitungswasser, aber auch nicht wie Chemie pur. Ganz anders bei der Geruchsprobe, die Abteilungsleiter Jürgen Padligur zum Abschluss kredenzt. In einem Glas hat er Grundwasser vom Gelände der ehemaligen Kokerei Friedrich der Große dabei. Teergeruch entströmt dem Glas und es riecht so, wie es früher in Herne gerochen hat, als die Montanindustrie die Stadt prägte - der Atem des alten Ruhrgebiets. Dass es im heutigen frische Luft gibt und die Sünden der Vergangenheit den Menschen der Gegenwart keine Schäden zufügen, das ist der Verdienst der Mitarbeiter des Fachbereichs Umwelt.