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Meldung vom 17. Februar 2021

Obdachlose im Winter – die häufigsten Irrtümer in Herne

Frierende Obdachlose, die keinen Platz in Notschlafstellen finden, Menschen, denen es an Decken und Matratzen fehlt, Kältebusse, die nachts Menschen vor dem Erfrieren retten: „Das, was im Fernsehen gezeigt wird, ist real – aber nicht bei uns“, erklärt Thorsten Rusch, der die Notunterkunft an der Buschkampstraße betreut.

Gerade in den vergangenen, kalten Tagen haben er und sein Kollege Fabian Helsper viele Anfragen von Bürgern bekommen, die sich Sorgen um Obdachlose machen. „Wir bekommen viele sehr liebe Hilfsangebote. Für einige gibt es aber gar keine Abnehmer. Damit wir niemanden enttäuschen müssen, der helfen will, möchten wir die Hernerinnen und Herner vorab informieren, was gebraucht wird und wie die Situation in Herne ist.“ Deswegen haben sie die häufigsten Missverständnisse zusammengetragen.

Irrtum 1: Viele Menschen leben auf der Straße

Wenn man Fabian Helsper fragt, wie viele Menschen in Herne auf der Straße leben, sagt er: „Es klingt komisch, aber nach dem, was wir wissen, gibt es einige Menschen, die ganz bewusst auf der Straße leben, allerdings nur sehr vereinzelt.“ Es gibt sehr wohl Personen, die den Tag draußen verbringen, zum Beispiel am Buschmanns Hof. „Wir stehen mit dem Sozialarbeiter dort in Kontakt. Diese Menschen verbringen zwar den Tag draußen, aber sie kehren nachts in ihre Wohnungen zurück“, weiß Helsper.
Auch gäbe es einen Herren, der tagsüber mit seinem Hab und Gut im Stadtgebiet unterwegs sei. „Der Herr ist uns bekannt und er hat tatsächlich eine Bleibe. Er nimmt seine Sachen aber jeden Tag mit raus.“

Irrtum 2: Wer draußen schläft, weiß sich nicht zu helfen

„Wer im Vollbesitz seiner geistigen Fähigkeiten draußen lebt, darf das. Die Menschen, die sich in Herne dazu entschieden haben, wissen, wo sie bei Bedarf Hilfe bekommen“, stellt Thorsten Rusch klar.
Die Mitarbeitenden der städtischen Notunterkunft sind gut vernetzt: Sie stehen in engem Austausch mit Polizei, Kommunalem Ordnungsdienst und der Feuerwehr. Wenn dort jemand auffällt, der Hilfe braucht, werden sie verständigt. Auch sie selbst verteilen gelegentlich Visitenkarten, wenn sie Menschen begegnen, die kein Zuhause haben. Für sie gibt es Platz in der städtischen Notunterkunft.

Irrtum 3: Es gibt zu wenige Plätze in Notunterkünften

„In der Regel leben zwischen 80 und 120 Personen in der Notunterkunft in Herne, vorwiegend Männer“, erklärt Fabian Helsper. „Wir haben bisher alle Hilfesuchenden unterbringen können.“ Dass Leute wegen Überfüllung abgewiesen werden, habe es in Herne noch nicht gegeben. Was in Herne auch anders ist als in vielen anderen Kommunen: Hier gibt es die Möglichkeit, sich auch tagsüber aufzuwärmen.

Irrtum 4: Die Menschen brauchen dringend Decken

„Wer in die städtische Notunterkunft kommt, bekommt von der Stadt eine Matratze und Decken, Handtücher, Geschirr und einen Kochtopf. In der Notunterkunft haben die Bewohner einen eigenen kleinen Herd, auf dem sie kochen können“, so Helsper. Gebrauchte Bettdecken oder Matratzen dürfen aus hygienischen Gründen nicht angenommen werden. „Auch wenn wir davon ausgehen, dass die meisten Menschen nur saubere Sachen bringen, können wir nicht nachvollziehen, wie die Decken vorher gelagert und benutzt wurden. Deswegen haben wir immer neue Decken auf Vorrat.“

Irrtum 5: Spenden sind dringend nötig

„Die Stadt selbst nimmt keine Spenden an“, erläutert Thorsten Rusch. „Wer spenden will, kann sich an Hilfsorganisationen wenden, zum Beispiel an die Tafel oder an die Suppenküche, die direkt an der Notunterkunft angesiedelt ist.“ Genommen werden vorwiegend haltbare Lebensmittel, gelegentlich Kleidung. „Wir haben hier aber keine großen Lagermöglichkeiten, können also keine Möbel annehmen.“ Wer gerne helfen möchte, kann der Suppenküche ein paar Flaschen neutrales

Duschgel, Deo oder Rasierer spenden. „In der Suppenküche wurden sehr viele duftende Duschgele für Frauen abgegeben. Das möchten die meisten Männer aber nicht nutzen“, hat Helsper erlebt. Ein robuster, bärtiger Kerl, der sich mit Glitzerduschgel einseift, ist ihm noch nicht begegnet. Einige Bürgerinnen und Bürger haben auch Fußsalbe, Nagelfeilen und ähnliches gebracht, weil sie Bilder von Obdachlosen mit entzündeten Füßen gesehen haben. „Das ist total lieb, aber die Bewohner haben diese Sachen nicht gebraucht“, erklärt Helsper.

Irrtum 6: Ein Kältebus und Gratis-Essen sind nötig

„Es gab schon mehrere Initiativen, aber sie sind wegen fehlender Nachfrage eingestellt worden“, berichten die Mitarbeitenden der Notunterkunft. Aktionen wie Gratis-Essen für Bedürftige seien löblich. Aus der Nachfrage könne man aber keine Rückschlüsse darauf ziehen, dass diese Menschen sonst gehungert hätten.

Und wenn ich helfen will?
Wer einen Menschen auf der Straße sieht und ihn für obdachlos hält, kann ihn ansprechen und fragen, ob er Hilfe braucht. „Nicht jeder, der schlecht gekleidet ist, ist auch hilfsbedürftig“, weiß Helsper. „Nur weil sich jemand wenig pflegt, heißt das nicht, dass er keine Wohnung hat oder dass er sich nicht helfen kann. Wer Hilfe annehmen möchte, wird das in der Regel tun. Wichtig ist aber auch, dass Helfer respektieren, wenn jemand in Ruhe gelassen werden will.“

Details der Meldungen
2017-04-26