Meldung vom 29. November 2018

Vätergruppen des Kommunalen Integrationszentrums

In den zehn Vätergruppen des Kommunalen Integrationszentrums tauschen sich rund 280 zugewanderte Väter untereinander aus.

Sie kommen gerade von der Arbeit oder aus dem Sprachkurs, haben eben noch ihre Kinder ins Bett gebracht oder schon auf diesen Termin gewartet: Acht syrisch-kurdische Väter haben sich am Donnerstag, 22. November 2018, in der Grundschule Kunterbunt versammelt. Gemeinsam mit Gruppenleiter Samir Kheder diskutieren sie über Themen rund um Kinder, Schule und Familie. Aber auch Anträge und Schreiben von Behörden sind immer wieder Themen in den zehn Vätergruppen des Kommunalen Integrationszentrums (KI) der Stadt Herne.

Väter geben einander Tipps

Insgesamt rund 280 Väter mit Zuwanderungsgeschichte treffen sich alle ein bis zwei Wochen in den Gruppen, die von Gürkan Ucan vom KI organisiert werden. Die Väter wollen sich intensiv an der Erziehung ihrer Kinder beteiligen, wollen Erfahrungen austauschen und ihre Familie unterstützen. Manche von ihnen sind erst vor kurzem in Deutschland angekommen, andere sind gebürtige Herner oder haben s Eltern, die schon in Herne geboren sind. Manche von ihnen sind arbeitslos, andere sind Akademiker oder Unternehmer. Aber sie alle sind nicht nur von der deutschen Kultur geprägt.

In den Gruppen geben sie einander Tipps: Wie viel Medienkonsum ist gut für mein Kind? Wie kann ich meinen Kindern bei den Hausaufgaben helfen? Was hat es mit den unterschiedlichen Schulformen auf sich?

Was ist in der Kindererziehung in Deutschland üblich? Was mache ich, wenn ich Streit mit den Nachbarn habe? Welche Rechte habe ich als Verbraucher? Und was ist das für ein Brief, der heute im Briefkasten lag? „Die Gruppen sind ein Gesamtpaket: Wenn die Teilnehmer Briefe nicht verstehen oder andere Sorgen haben, belastet sie das. Wenn das erledigt ist, können sie auch über andere Themen reden“, hat Ucan erlebt.

Unterschiedliche Vorstellungen treffen aufeinander

„Diese Gruppen sind Teil der Integration“, weiß Radojka Mühlenkamp, die Leiterin des KI. Viele Väter haben bestimmte Vorstellungen davon, wie eine Familie funktioniert, aus ihrem Herkunftsland mitgebracht. Dann kommen die Kinder aus der Schule und bringen ganz andere Vorstellungen mit – und die Eltern sind irritiert. Oder die Eltern kennen aus ihrer eigenen Schulzeit andere Lernmethoden und tun sich schwer, ihren Kindern mit neuen Methoden beim Lernen zu helfen.

Immer wieder laden die Vätergruppen Experten ein. So gibt zum Beispiel ein Kinderbuchautor Tipps zur Leseförderung. Eine Anwältin klärt über Rechte und Pflichten in der Familie auf, ein anderer Anwalt erklärt, welche Rechte Verbraucher in Deutschland haben. Profi-Musiker aus Bulgarien machen mit Vätern und Kindern Musik. Ein Film erklärt, wie radikale Salafisten Jugendliche in Sozialen Medien ködern. Dabei ist wichtig, dass nicht über religiöse oder politische Ansichten diskutiert wird. „Wir sind ein neutraler Ort. Keine politische oder religiöse Gruppe soll hier benachteiligt werden“, betont Ucan.

Vertrauensvoller Austausch untereinander

Obwohl die Themen oft Väter und Mütter betreffen, haben sich getrennte Gruppen bewährt. „Männer lassen sich ungerne belehren – erst recht nicht von ihren Frauen. Wenn sich die Väter untereinander austauschen, merken sie oft: Das kann ich auch anders machen. Oder: Da habe ich einen Fehler gemacht“, erklärt Ucan.

Vom Pilotprojekt zum Vorbild

Er kann den Wunsch der Väter nach Orientierung in der fremden Kultur gut verstehen, denn er selbst ist vor rund 20 Jahren aus der Türkei nach Deutschland gekommen. In Deutschland hat er seinen Schulabschluss gemacht, Soziale Arbeit und später berufsbegleitend Kriminologie studiert. „Ich wollte an die Hand genommen werden. Ich musste mich erst orientieren: Was kann ich machen? Was ist der nächste Bildungsschritt?“, erinnert er sich. Seit 2007 kann er selbst Zugewanderten Orientierung geben: Zuerst leitete er eine Gruppe mit drei Vätern, ein Jahr später waren es schon 17 Teilnehmer. Schließlich kamen weitere Väter und weitere Gruppen hinzu.

Inzwischen gelten die Herner Vätergruppen in NRW als Vorbild, deswegen möchte das Landesministerium für Familie und Integration sie als gutes Beispiel auf seiner Internetseite vorstellen.