Meldung vom 03. Juli 2019

Schulen wollen traumatisierten Kindern das Lernen ermöglichen

Zwei Frauen

22 Lehrkräfte und Schulsozialarbeiter von acht weiterführenden Herner Schulen und einer Schule aus Lünen haben sich nach dem Unterricht im Kommunalen Integrationszentrum (KI) der Stadt Herne versammelt. Sie nehmen an einer Weiterbildung teil, in der sie lernen, mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen umzugehen.

Dabei wollen sie nicht therapieren, sondern den Kindern das Gefühl von Sicherheit und Kontrolle geben, damit sie sich wieder auf das Lernen konzentrieren können. Expertin Kristina Kelch vom International Rescue Commitee (IRC) hat weitreichende Erfahrung damit und ist nach Herne gekommen, um gemeinsam mit Lehrerin Regina Osladil, die im KI arbeitet, die Fachkräfte zu schulen.

Kinder sollen ihr Potential entfalten können

„Es geht um die Sensibilisierung von pädagogischen Fachkräften für die Folgen von psychischen Belastungen von Kindern für das schulische Lernen“, so Osladil. „Wir wollen Kinder stark machen und ihnen die notwendige Unterstützung geben, damit sie sich entwickeln und ihr Potential entfalten können.“ Die Schule soll diesen Kindern und Jugendlichen einen geschützten Raum dafür bieten.

Im vorigen Jahr haben schon elf von 20 Grundschulen an der Weiterbildung teilgenommen, ab dem Herbst werden sich auch Kita- Mitarbeitende aus Herne weiterbilden.

Auf die Haltung kommt es an

„Pädagogische Fachkräfte, beispielsweise Lehrer und Schulsozialarbeiter, müssen eine Haltung entwickeln, anzuerkennen, dass das Kind in einer besonderen Situation ist“, erklärt eine teilnehmende Lehrkraft. Auch wenn ein Kind sich unruhig verhält, ausrastet oder extrem angepasst ist, sollen Lehrkräfte und Sozialarbeiter es akzeptieren und ihm ein Gefühl von Sicherheit vermitteln. Belastend kann zum Beispiel Gewalt sein, Flucht, familiäre Krisen, Schicksalsschläge oder wenn Kinder zu schnell erwachsen werden und die Rolle der Eltern einnehmen müssen. Das betrifft häufig geflüchtete Kinder, aber auch Einheimische. Letztlich kann es jede Familie treffen.

Das nötige Handwerkszeug bekommen

„Wir wollen Schwierigkeiten von Kindern einordnen können und erkennen, ob ein Kind weitere Hilfe von anderen Experten braucht“, erklärt eine Schulsozialarbeiterin. Und eine Lehrerin ergänzt: „Viele von uns unterrichten in internationalen Klassen. Wir brauchen das Handwerkszeug, um diesen Kindern helfen zu können.“ Das Wissen, dass ein Kind auf eine belastende Situation reagiert, helfe ihnen, dessen Verhalten nicht persönlich zu nehmen und gelassen zu bleiben, auch wenn es einmal ausrasten sollte.

Auch Lehrer stecken Belastungen besser weg

An drei Nachmittagen lernen Lehrer und Schulsozialarbeiter, was bei traumatisierenden Erlebnissen im Gehirn passiert, wie man Kindern helfen kann, mit Belastungen umzugehen und wie man ihnen das Gefühl gibt, ihre Lebenssituation beeinflussen zu können. Dazu gehören zum Beispiel Rituale, verlässliche Strukturen und Transparenz. Alle Übungen, die die Fachkräfte lernen, sind für die ganze Klasse gedacht und sollen alle Kinder stärken. Wichtig ist ihnen, dass kein betroffenes Kind hervorgehoben wird, sondern alle Kinder in der Entfaltung ihrer Potentiale bestärkt werden. Auch Kinder, die keine großen Belastungen erlebt haben, profitieren davon. Ein sicheres Umfeld hilft ihnen, Resilienz zu entwickeln, also psychische Widerstandskraft. „Dafür braucht es resiliente Bezugspersonen. Die Fachkräfte können Selbstfürsorge lernen und müssen keine Einzelkämpfer sein“, so Osladil. Das helfe ihnen, selbst Belastungen besser wegzustecken.