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Vorlage - 2017/0626  

Betreff: Fortsetzung des Projektes in besonderen Fällen für Kinder aus Flüchtlingsfamilien und vergleichbaren Lebenslagen "Kita im Koffer" vom 01.01.2018 - 31.12.2018
Status:öffentlichVorlage-Art:öffentliche Beschlussvorlage
Verfasser:Heike Hütter, Tel.: 3320
Federführend:FB 42 - Kinder-Jugend-Familie Bearbeiter/-in: Kröger, Andreas
Beratungsfolge:
Ausschuss für Kinder, Jugend und Familie Entscheidung
17.10.2017 
des Ausschusses für Kinder, Jugend und Familie beschlossen   

Finanzielle Auswirkungen
Beschlussvorschlag
Sachverhalt
Anlage/n

 

Finanzielle Auswirkungen in Euro

 

           Teilergebnisplan (konsumtiv)

Produkt

Kontengruppe

Ertrag/Aufwand (-)

Nr.: 3601

Bez.: Tagesbetreuung für Kinder

Nr.: 2

Bez.: Zuwendungen und allgemeine Umlagen

 

Nr.: 11

Bez.: Personalaufwendungen

 

Nr.: 13

Bez.: Aufwendungen für

Sach-/Dienstleistungen

 

              99.300,00 €

 

 

 

-          138.300,00 €

 

 

      -        2.700,00 €

 

Teilfinanzplan (investiv)

Maßnahme

Kontengruppe

Einzahlung/Auszahlung (-)

Nr.:

Bez.:

Nr.:

Bez.:

keine

        


Beschlussvorschlag:
 

Der Ausschuss für Kinder, Jugend und Familie beschließt die Fortsetzung des Brückenprojektes für Flüchtlingskinder und ihre Eltern „Kita im Koffer“ vom 01.01.201831.12.2018.

       


Sachverhalt:    


Strategisches Ziel des Fachbereiches Kinder-Jugend-Familie:

 

„Der Rechtsanspruch auf Kindertagesbetreuung ist unter Beachtung der Qualitätsstandards sichergestellt.

 

 

Vorschulische Bildung ist entscheidend für eine positive Bildungsbiografie. In Herne haben wir einen überdurchschnittlich hohen Anteil an Familien, bei denen Kinder mangels deutschsprachiger Fähigkeiten Bildungs- und Integrationsbarrieren haben. Die Zuwanderung von Flüchtlingen und Asylsuchenden erhöht ohne entsprechende Maßnahmen diesen Anteil.

 

Misslingende Bildungsbiografien führen zu Desintegration und darüber zu hohen gesellschaftlichen Folgekosten. Um die hohen Sozialausgaben in Herne langfristig zu verringern, ist eine möglichst frühe Integration unabdingbar und hat im Vorschulalter durch die besonders hohe Lernbereitschaft der Kinder die besten Erfolgsaussichten. Insbesondere sprachliche Fähigkeiten werden durch deutschsprachige Umgangskontakte zügig erlernt.

 

Vielen geflüchteten und neu zugewanderten Familien ist unser vorschulisches Bildungssystem fremd. Teilweise bestehen Ängste gegenüber staatlichen Institutionen wie öffentlichen Bildungseinrichtungen oder es fehlt noch das Verständnis dafür, aus welchen Gründen ein kontinuierlicher und verlässlicher Besuch der Kita notwendig ist, bzw. wie frühkindliche Bildung in unserem Kulturkreis verstanden wird.

 

Eltern ohne frühkindliche Betreuungsmöglichkeiten verfügen über weniger zeitliche Ressourcen, um z.B. Sprachkurse oder sonstige Qualifizierungsmaßnahmen zu besuchen. Dies bildet jedoch die Voraussetzung dafür, um in den Arbeitsmarkt integriert zu werden und ein selbstbestimmtes, von Sozialleistungen unabhängiges Leben führen zu können. Die Kontaktmöglichkeiten zu anderen, bereits integrierten Familien sind zudem deutlich geringer.

 

Herner Grundschulen melden zurück, dass diese Kinder ohne vorschulische Bildungserfahrung weder hinreichende Sprachfähigkeiten entwickeln konnten, noch ausreichend mit Ablaufstrukturen vertraut sind. Dies erschwert massiv die schulische Integration und erschwert den Zugang zum Regelsystem.

 

Die Versorgungsstruktur mit Kita-Plätzen ist nicht darauf ausgelegt, Kinder so flexibel aufzunehmen, wie dies unter Berücksichtigung des Rechtsanspruches auf einen Kita-Platz nach drei Monate Aufenthalt mit der aktuellen Bevölkerungsentwicklung notwendig wäre.

 

Das Ministerium für Familie, Kinder, Jugend und Sport des Landes NRW stellt Projektmittel zur Kinderbetreuung in besonderen Fällen für Kinder aus Flüchtlingsfamilien und vergleichbaren Lebenslagen zur Verfügung. Es sollen sogenannte „Brückenprojekte“ eingerichtet und gefördert werden, die Kinder der Altersgruppe vor dem Schuleintritt und ihre Eltern an institutionalisierte Formen der Kindertagesbetreuung heranführen.

 

Das Herner Brückenprojekt „Kita im Koffer“ ist ein unverzichtbares Projekt, um genau in diesem Sinne flexibel reagieren zu können.

 

Die Ziele von „Kita im Koffer“ sind:

 

-         Kurz- bis mittelfristige Strategie, um dem ersten Bedarf an pädagogischer Begleitung für Kinder gerecht zu werden,

-         Kontakt- und Beziehungsaufbau zu den Familien in den Gemeinschaftsunterkünften, Abbau von möglichen Schwellenängsten,

-         Stärkung des Sicherheitsempfindens der Kinder,

-         Alltagsnahes Erlernen der deutschen Sprache,

-         Überprüfung der altersgerechten Entwicklung der Kinder; bei Bedarf Vermittlung an weitere institutionelle Unterstützung,

-         Ermittlung der Ressourcen der Familie, um weitere Möglichkeiten und Schritte der Integration auszuloten,

-         Heranführen an Strukturen und Lernprozesse, welche in einer Kita üblich sind,

-         Vermittlung und Begleitung der Familien in bestehende Angebote der Kitas und Familienzentren in der Nähe der Flüchtlingseinrichtungen bzw. der zukünftigen Wohnung (beispielsweise Mutter-Kind-Gruppen, Krabbelgruppen oder andere niederschwellige Angebote der Familienzentren),

-         Integration der Kinder und deren Familie in das bestehende Bildungssystem, indem die Kinder eine Kindertageseinrichtung besuchen (Mitarbeiter/innen in der entsprechenden Kindertageseinrichtung und Grundschulen erhalten Informationen zur Familie und zu dem Kind, die die Kita-im-Koffer Fachkräfte erhalten konnten und die diese weitergeben dürfen),

-         mittel- bis langfristig ermöglicht die Vermittlung von Kindern in Betreuungsangebote  auch den Eltern die Integration in den Arbeitsmarkt,

 

Es handelt sich um eine Festbetragsfinanzierung von Betreuungspaketen mit einer Pauschale in Höhe von 30 €, die für die Betreuung von bis zu 5 Kindern für 60 Minuten durch jeweils eine pädagogische Fachkraft bereitgestellt werden. Dieses Geld dient als Gegenfinanzierung für alle anfallenden Personalkosten und Sachkosten des Antragstellers.

 

Nach Beschluss des Verwaltungsvorstandes vom 29.09.2015 wird das Herner Modell „Kita im Koffer“ seit dem 01.01.2016 mit einer pädagogischen Fachkraft mit 39 Wochenstunden und mit einer pädagogischen Ergänzungskraft mit 20 Wochenstunden durchgeführt. In einem weiteren VV-Beschluss vom 31.05.2016 ist das Projekt um 21 Wochenstunden für eine pädagogische Fachkraft und 20 Wochenstunden für eine pädagogische Ergänzungskraft erweitert worden. Die Stelle der pädagogischen Ergänzungskraft wurde am 1.3.2017 und die Stelle der pädagogischen Fachkraft am 14.08.2017 mit 20 Wochenstunden besetzt. Kita im Koffer ist in den Gemeinschaftsunterkünften Ackerstraße, Dorstener Straße, Zechenring und Südstraße in Form von Eltern-Kind-Gruppen tätig. Der Einsatz erfolgt regelmäßig und dennoch flexibel bezogen auf die einzelnen Standorte – je nach Anzahl der Familien und dem erforderlichen Begleitungsumfang. Um Familien zu erreichen, die in Wohnungen im Stadtgebiet umziehen, wurde am 1.1.2017 eine Spielgruppe mit maximal 10 Vorschulkindern in Herne-Mitte realisiert. Außerdem werden in zwei Familienzentren (in Herne-Mitte und Wanne) neu zugewanderte Kinder in zusätzliche bzw. bestehende Sprachbildungsgruppen integriert. Diese sind organisatorisch mit dem Brückenprojekt Kita im Koffer verknüpft.

Seit 1.1.2016 konnten insgesamt 264 Kinder erreicht und gefördert werden. Bislang sind 45 Kinder in Kindertageseinrichtungen und 30 in Schulen vermittelt und begleitet worden.

In den Sprachbildungsgruppen der Familienzentren konnten 2017 insgesamt 19 Kinder erreicht und gefördert werden. Sieben Kinder wurden in Kindertageseinrichtungen und fünf in Schulen vermittelt und begleitet.

 

Mit Erlass vom 6. September 2017 informierte das Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen, dass für Maßnahmen, die bereits in 2015 oder 2016 oder 2017 begonnen wurden und die in 2018 fortgeführt werden sollen („fortlaufende“ Maßnahmen), entsprechende Verpflichtungsermächtigungen für 2018 zur Bewilligung zur Verfügung stehen. Die Bewilligungsbescheide sind in Aussicht gestellt worden.

Bei der beabsichtigten Fortsetzung des Projektes ist die Entwicklung der vergangenen Wochen und Monate zu berücksichtigen. Die Vermittlung neu zugewanderter Familien in die seit 2017 vorhandenen vier städtischen Gemeinschaftsunterkünfte ist konstant. Die Zeit und der Aufwand für die Kontaktaufnahme und der Begleitungsaufwand haben sich gegenüber 2016 deutlich erhöht. Gründe hierfür sind unter anderem die größere Belastung der Familien durch verlängerte Fluchtrouten und eine größere Soziodiversität der Familien im Sinne einer größeren Vielfalt der Herkunftsländer. Bei der Spielgruppe und den organisatorisch verknüpften Sprachbildungsgruppen wohnen die Familien im Stadtgebiet. Hier hat sich gezeigt, dass die Einladung und die Vermittlung in diese Gruppen über Hausbesuche durch die Kita-im-Koffer Fachkräfte mit einem Sprachmittler das wirkungsvollste Instrument darstellt. Das ist zeitintensiv, aber sehr effizient.

Die derzeitigen Standorte sind:

  • Zwei Eltern-Kind-Gruppen in der GME Ackerstraße
  • Eine Eltern-Kind-Gruppe in der GME Dorstener Str. 51
  • Eine Eltern-Kind-Gruppe in der GME Zechenring 14-18
  • Eine Eltern-Kind-Gruppe in der GME Südstraße 111
  • Eine Spielgruppen in Herne- Mitte
  • Zusätzlich zwei Sprachbildungsgruppen in Familienzentren in Herne-Mitte und Wanne

 

 

In 2018 wird mit dem Nachzug von ca. 1000 Familienangehörigen gerechnet. Aufgrund der Erfahrungen und der Flexibilität wird das Brückenprojekt Kita im Koffer sein Angebot entsprechend ausrichten können. Mit zwei Kita-im-Koffer-Teams und damit insgesamt vier Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern könnten maximal sechs Gruppen mit einer Gesamtkapazität von wöchentlich 60 Kindern realisiert werden. Durch zwei weitere Fachkräfte mit je 19,5 Stunden des Bundesprogramms „Kita-Einstieg“ wird das Spielgruppenangebot in Familienzentren in Stadtteilen mit Bedarf analog des Kita-im-Koffer-Konzeptes erweitert. Die Netzwerkarbeit, die Beratung der Familien und der Netzwerkpartner und die Vermittlung der Kinder in Kindertageseinrichtungen und Schulen erfolgt mit 19 Stunden auch durch das Bundesprogramm „Kita-Einstieg“.

Die Erfahrungen haben gezeigt, dass ohne Unterstützung eine beträchtliche Zahl von Kindern und Familien keinen eigenen Zugang zu den Bildungseinrichtungen finden. Dieses Projekt ist ein Baustein dieser wichtigen gesellschaftlichen Aufgabe. Es hat sich gezeigt, dass das gewonnene Vertrauen der Kita im Koffer Fachkräften zu den Eltern eine wichtige            Grundlage für Veränderungen und die ersten Schritte zur Integration darstellt. Die Erfahrungen der Kita im Koffer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fließen in die verschiedenen Netzwerke ein.

 

Vor den geschilderten Hintergründen und den dargestellten Planungen erscheint es geboten, das seit dem 01.01.2016 bei der Stadt Herne laufende Projekt „Kita im Koffer“ unter den bereits seit diesem Zeitpunkt bewilligten Stellen fortzuführen und weiterhin 2 Fachkräfte mit insgesamt 40 Wochenstunden und 2 Ergänzungskräfte mit insgesamt 40 Wochenstunden projektbezogen zu beschäftigen. Der Verwaltungsvorstand hat in seiner Sitzung am 26.09.2017 sein Einverständnis zur Fortsetzung des Projektes gegeben.

 

 

 

Der Oberbürgermeister

in Vertretung

 

 

 

Thierhoff

(Stadträtin)   

 

 

Anlagen:

keine