Ratsinformationssystem

Vorlage - 2018/0004  

Betreff: Eintragung des Kiosks, Märkische Straße 31, Stadtbezirk Eickel, in die Denkmalliste der Stadt Herne gemäß § 3 des Denkmalschutzgesetzes NRW
Status:öffentlichVorlage-Art:Berichtsvorlage
Verfasser:Kowalski, 3030
Federführend:FB 51 - Umwelt und Stadtplanung Bearbeiter/-in: Thielemann, Annette
Beratungsfolge:
Kultur- und Bildungsausschuss Vorberatung
06.02.2018 
des Kultur- und Bildungsausschusses zur Kenntnis genommen   
Bezirksvertretung Eickel
15.03.2018 
der Bezirksvertretung des Stadtbezirks Eickel zur Kenntnis genommen   

Sachverhalt
Anlage/n

ALLRIS® Office Integration 3.9.2

Die Bezirksvertretung Eickel und der Kultur- und Bildungsausschuss nehmen die beabsichtigte Eintragung des Kiosks, Märkische Straße 31, Stadtbezirk Wanne, in die Denkmalliste der Stadt Herne gemäß § 3 des Gesetzes zum Schutz und zur Pflege von Denkmälern im Lande Nordrhein-Westfalen (Denkmalschutzgesetz) vom 11.03.1980 (GV.NRW. S. 226, 716/ GV. NRW. S. 488) zur Kenntnis

 

Sachverhalt:
 

Objektbeschreibung     

 

Denkmalwert ist der Kiosk ohne seine Lichtreklame.

 

Der Kiosk wurde 1956/57 nach einem Entwurf des Baumeisters  A. Lüning für die Bauherrin und Eigentümerin, die verwitwete Frau Anna Schoelisch errichtet.

 

Es handelt sich  um einen Kiosk auf einer abgeschrägten Grundfläche von 2,75 x 3,75 m in Straßenecklage, eingefügt in die eingezogene Ecke des umgebenden Wohnblocks. Der Kiosk ist 2,40 hoch und besitzt ein geschwungen geformtes „Flugdach“, das über der Abschrägung des Gebäudes hoch und weit in dem Straßenraum aufragt. In dieser der Straßenecke zugewandten Abschrägung sitzt das Verkaufsfenster, links daneben an der nördlichen Fassade ein Schaufenster und eine Tür. Die rechte, westliche Wand ist geschlossen. Sie besteht überwiegend - wie auch die Fensterbrüstungen - aus verfugten, quadratischen, weißen Glasbausteinen, in die verstreut blaue und gelbe Glasbausteine eingefügt sind. Die Glasbausteinwände  sind mit weißen Stahlrahmen gefasst. Die nicht von den Glasbausteinen eingenommenen Flächen oben und an der westlichen Kante sind mit kleinen hellgelben quadratischen Mosaikkacheln verkleidet. Das Flugdach sowie die Fugen sind zur Zeit rot gestrichen. Im Inneren des Kiosks führt eine kleine Treppe in den Keller des südlich angrenzenden Haus, so dass auch von hier der Kiosk betreten werden kann und ein Vorratsraum erreichbar ist.

 

Um 1970 sind die Fenster des Kiosks mit Rollos erneuert worden, es wechselten auch die Beschriftungen. Zur Zeit wird hier in Kombination mit einer Bier-Werbung auf die „Trinkhalle Friedrich Krämer“ verwiesen. Um 1970 war Elisabeth Krämer Eigentümerin. Diese Veränderungen der Beschriftungen sind nicht wesentlich für den Denkmalwert.

Die Verbindung in den Keller des Nachbarhauses, aber auch die mit den Kiosk-Kacheln identische Verkleidung der Flurfensterbrüstungen zumindest des Nachbarhauses Märkische Straße 31 lässt einen engen baulichen Entstehungszusammenhang des Kiosks mit dem Wohnblock vermuten. Dieser Zusammenhang ist ungeprüft und hier nicht wesentlich für den Denkmalwert.

 

Begründung des Denkmalwertes 

 

Der Kiosk ist bedeutend für Herne und Wanne-Eickel, denn er ist eines der letzten Zeugnisse für eine prägende Versorgungsleistung in Herne und Wanne-Eickel. Solche Kioske, Buden, Büdchen oder Trinkhallen mit einer eigenen, charakteristischen Gebäudeform waren früher in Herne und Wanne-Eickel umfangreich im Stadtbild vertreten, sind aber weitgehend verschwunden. Das entsprechende Gewerbe ist meist in ehemalige Ladenlokale verlegt worden. Der Denkmalpflege ist trotz systematischer Suche durch die Kulturguterfassung nur ein mittlerweile nicht mehr vorhandener Kiosk an der Schaeferstraße und ein nicht in die Denkmalliste eingetragener auf dem Sodinger Markt bekannt geworden. Aus dem früheren Bestand in Herne und Wanne-Eickel hat sich im Heimat- und Naturkunde-Museum Wanne-Eickel ein reich gestalteter Kiosk aus der Zeit um 1900 museal erhalten.

 

Das mit dem Bau des Kiosks verwirklichte Geschäftsmodell wird zunächst durch seine Lage nachvollziehbar. Der hier besprochene Kiosk liegt im Wohnbereich zwischen der ehemaligen Zeche Pluto und dem bedeutenden Hauptbahnhof Wanne-Eickel, an der vom Stadtzentrum mit seinen Geschäften abgewandten Seite.  Damit scheint er eine Versorgungslücke mit Waren des täglichen Bedarfs für die umgebenden Wohnbevölkerung gefüllt zu haben, die besonders auf die Zeiträume außerhalb der früher eng begrenzten Geschäftsöffnungen und die langen Arbeitszeiten abzielte. Auch die Architektur veranschaulicht dieses Geschäftsmodell, denn es handelt sich um einen anspruchsvollen zeittypischen Entwurf, der Abends mit seinen farbig leuchtenden Glasbausteinwänden und dem großen angeleuchteten Flugdach große Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben muss.

 

Für die Erhaltung und Nutzung des Kiosks sprechen wissenschaftliche Gründe hinsichtlich der Architekturgeschichte. Das Wort „Kiosk“ stammt aus dem Persischen. Im Orient gab es schon vor Jahrhunderten offene Pavillons mit Wasserausschank. Über die Türkei ist der Kiosk nach Europa gekommen. Nach Deutschland kamen Kioske im Zuge der Industrialisierung. Unternehmer ließen ab Ende des 19. Jahrhunderts Pavillons mit Mineralwasserausschank – „Seltersbuden“ - bauen, um dem  Alkoholkonsum der Arbeiter entgegenzuwirken. So erlebten Kioske vor allem in Ballungsgebieten einen Siegeszug. Hochburgen wurden neben dem Ruhrgebiet der Raum Köln-Düsseldorf, Hamburg, Berlin oder Frankfurt. Mittlerweile ist der historische Kiosk-Bestand des 19. und 20. Jahrhunderts bundesweit stark dezimiert. Das gilt auch für Westfalen, wo von 44 bekannt gewordenen Objekten nur 18 denkmalwert sind. Innerhalb dieser wenigen bekannten Kioske ist der hier gemeinte Bau in Wanne-Eickel durch sein Flugdach und seine Glasbausteingestaltung eine Besonderheit, die auch auf die Anpassungsfähigkeit dieser Bauform an Zeitgeschmack und städtebaulichen Bedarf verweist, wie oben bereits skizziert wurde. Innerhalb der Gattung „Kleinarchitektur“ bietet der Kiosk auch gute Vergleichsmöglichkeiten mit den Gestaltungsansprüchen und Möglichkeiten der Zeit als da sind Wartehallen, Pavillons, Brunnen, Becken, Trafostationen, Denkmälern, Kreuzwegen oder auch Grabanlagen.

 

Für die Erhaltung und Nutzung des Kiosks sprechen wissenschaftliche Gründe hinsichtlich der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, denn der Kiosk ist ein bauliches Zeugnis der Alltagsversorgung und sozialen Treffpunkte. Hierfür wird in der unten angegebenen Literatur auf ein besonders Ereignis der 1950er Jahre verwiesen: „Riesige Menschentrauben“ hätten sich im Sommer 1954 an den Trinkhallen gebildet, um  das fußballhistorische „Wunder von Bern“ am Radio mitzuerleben. Wichtiger war aber wohl die alltägliche kurze Begegnung der Kunden aus der Nachbarschaft. Sozialgeschichtlich aufschlussreich war auch, dass nach beiden Weltkriegen vielfach Kriegsversehrte und Witwen die Bewirtschaftung von Kioske übernahmen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Die einen, weil sie ihre Berufe nicht mehr ausüben konnten, die anderen, weil sie keinen Beruf hatten. So war es offensichtlich auch in diesem Fall in Wanne-Eickel, denn die Inhaberin wird im Bauantrag als Witwe bezeichnet.

 

Für die Erhaltung und Nutzung des Kiosks sprechen auch städtebauliche Gründe, weil der Kiosk auch heute noch ein architektonisch belebendes und Aufmerksamkeit auf sich ziehendes Element in der ansonsten gleichmäßigen Wohnbebauung ist.

 

Da hier ein öffentliches Interesse hinsichtlich wissenschaftlicher und städtebaulicher Gründe besteht, liegen die Voraussetzungen für die Eintragung in die Denkmalliste der Stadt Herne vor.

 

 

 

Der Oberbürgermeister

In Vertretung

 

 

 

 

(Friedrichs)

   Stadtrat

 

           

ALLRIS® Office Integration 3.9.2

Anlagen:
 

 

  1. Stadtplanausschnitt
  2. Flurkarte
  3. Foto des Kiosks, Märkische Straße 31

           

Anlagen:  
  Nr. Status Name    
Anlage 1 1 öffentlich Märkische_31_20171220_Anlage_Foto (345 KB)      
Anlage 2 2 öffentlich Märkische_31_20171220_Anlage_Flurkarte (441 KB)      
Anlage 3 3 öffentlich Märkische_31_20171220_Anlage_Stadtplan (1545 KB)