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Vorlage - 2010/0541  

Betreff: Eintragung des Wohnhauses Eschstraße 18a und des ehem. Betsaals Düngelstraße 81, Stadtbezirk Herne-Mitte, in die Liste der Baudenkmäler der Stadt Herne gemäß § 3 Denkmalschutzgesetz
Status:öffentlichVorlage-Art:Berichtsvorlage
Verfasser:Herr Munck
Federführend:FB 51 - Umwelt und Stadtplanung Bearbeiter/-in: Fortnagel, Bettina
Beratungsfolge:
Bezirksvertretung Herne-Mitte Vorberatung
16.09.2010 
der Bezirksvertretung des Stadtbezirks Herne-Mitte zur Kenntnis genommen   

Sachverhalt
Anlage/n

Sachverhalt:

Sachverhalt:

 

Eschstr. 18a

 

Objektbeschreibung:

 

Bei dem Gebäude handelt es sich um ein zweigeschossiges Wohnhaus unter einem Satteldach, das kurz nach 1841 erbaut wurde.

Im Jahre 1857 wurde es für den Kaufmann Heinrich Schlenkhoff zum Wohnhaus umgebaut und 1902 zu seiner heute prägenden Gestalt erweitert.

 

Das Haupthaus ist ein zweigeschossiger rundum ornamentlos verputzter Bau mit jeweils vier Fensterachsen an Vorder- und Rückseite. Der östliche Giebel weist im Ober- und Dachgeschoss drei Rundbogenfenster und ein hochrechteckiges Fenster sowie eine Putzkartusche auf. Der westliche Giebel ist durch ein modern angefügtes, vollverglastes Treppenhaus sowie einen Außenschornstein verändert, ohne dass dadurch der Denkmalwert untergegangen wäre.

 

Der östliche Anbau ist ein eingeschossiger Saal mit großzügigen Fenstern sowie einem mittig gelegenen Ausgang an der Ostseite. Die auf dem Saal gelegene Terrasse ist durch ein Balustergeländer abgegrenzt. Die Fenster des Hauptgebäudes und des Anbaus sind mit Putzrahmungen gefasst. Horizontal wird das Haupthaus durch Geschossgesimse gegliedert. Das Treppenhaus des Hauptgebäudes stammt aus dem 19. Jahrhundert, wobei hier unterschiedliche Formen von Treppengeländern anzutreffen sind. Die Treppe selbst ist durch gedrechselte Stäbe im Geländer geschützt, auf dem Absatz zum Obergeschoss sind am Fenster Brettbaluster zu finden, die in ihrer Form in die Zeit um 1857 verweisen.

 

Denkmalwert ist das unter seinem Hauptdach zusammengefasste Gebäude sowie der östlich – zu Baumstraße – angefügte Anbau mit Dachterrasse im Inneren und Äußeren.

 

Begründung des Denkmalwertes

 

Das Wohnhaus ist bedeutend für Herne, weil es zu den ältesten Gebäuden im Herner Bahnhofsviertel gehört und mit seinem Grundstück ein Zeugnis der historischen Kontinuität vom Mittelalter bis zur Gegenwart ist, wie nachfolgend näher ausgeführt wird.

 

Es ist auch bedeutend für die Entwicklung der Arbeits- und Produktionsverhältnisse in Herne als ehemaliges Ökonomiegebäude einer bis 1539 zurückreichenden Ölmühle und nachfolgend als Wohnhaus des bedeutenden Herner Unternehmers Heinrich Schlenckhoff und seinen Nachfolgern.

 

Für die Erhaltung und Nutzung liegen wissenschaftliche Gründe hinsichtlich der Regional- und Wirtschaftsgeschichte vor, da sich hier anhand der relativ gut erhaltenen Bausubstanz des Hauses und seiner Lage in einem allmählich gewachsenem Gewerbegebiet die Entwicklungen Hernes ablesen und erforschen lassen.

 

Außerdem sprechen städtebauliche Gründe für den Denkmalwert, weil die Situation des Hauses 18 a gemeinsam mit der ehemaligen Dampfmühle 18/20 – sowie den Freiflächen und Nebengebäuden – bei den Gebäuden einen historischen Zusammenhang bewahren und nachvollziehbar machen, der sich über 450 Jahre erstreckt. Ohne das Haus 18 a wäre der Gesamtzusammenhang wesentlich gestört.

 

Die Gebäude Eschstr. 18 – 20 und 18 a sind Teile des Grundstückes, das 1757 durch von Steinen als Koppenburg bezeichnet wurde, denn unmittelbar westlich an die vorgenannten Grundstücke grenzte ein von einem Wassergraben und Wall umgebener, als „Burg“ bezeichneter Gräftenhof. Der Graben wurde 1539 zu einem Mühlenteich erweitert und eine Ölmühle errichtet. Die Maßnahme wurde durch Margarete von Asbeck, Witwe des „tollen Jobst“ von Stünkede, beauftragt. Ab 1789 kam die Ölmühle an Wilhelm Funkenberg, 1841 an den Kaufmann Georg Weusthoff und schließlich 1857/59 an den Kaufmann Heinrich Schlenckhoff.

 

Das Haus Eschstraße 18 a wurde mit dem Eigentumswechsel 1841 oder kurz danach durch den Kaufmann Weusthoff als Ökonomiegebäude errichtet, diente dann – sicherlich nach Umbauten – 1857 als Wohnhaus und wurde 1902 um eine Fensterachse und den eingeschossigen Saal erweitert. Hier wohnte Familie Schlenkhoff bis mindestens 1935, wahrscheinlich jedoch länger.

 

Der alte Ölmühlenbetrieb wurde jeweils zeitgemäß modernisiert und erweitert. So wurde hier zwischen 1841 und 1857 eine Dampfmaschine angeschafft, die als erste in Herne gilt. In den Jahren 1858/59 entstand für Kaufmann Schlenkhoff und Miteigentümer die industrielle Dampfmühle Eschstraße 18 – 20, welche bereits in die Denkmalliste eingetragen woden ist und bis hin zum Bürogebäude eines namhaften Wirtschaftsverlages eine wechselhafte Nachnutzung hatte.

 

Kaufmann Heinrich Schlenkhoff (gest. 1887) und seine Nachfolger waren überaus erfolgreich im Bauwesen tätig. Heinrich Schlenkhoff gründete und betrieb Zement- und Kalkwerke und war sehr vermögend. Die Familie besaß 1928 Zement- und Kalkwerke in Beckum, Geseke und Lengerich, ein Sägewerk in Herne und Handlungen für Baumaterialien, Holz und Kohlen außer in Herne noch in Dortmund, Bochum, Essen, Wanne-Eickel, Weißenthurm und Neuwied.

Auf den alten Friedhöfen Behrenspark und Bergelmannshof in Herne-Mitte sind einige Grabsteine der Familie in die Denkmalliste eingetragen worden.

Ob das Baudenkmal „Gaststätte zum alten Fritz“ des Friedrich Schlenkhoff auch zu dieser Familie gehört hat, kann vermutet werden.

Jedenfalls zeigt sicht, dass das Wohnhaus Eschstr. 18a den Ansprüchen wohlhabender, alteingesessener Herner Kreise entsprach.

 

Im Anhörungsverfahren wurden von Seiten des Eigentümers keine Bedenken gegen die beabsichtigte Listeneintragung geäußert.


Düngelstraße 81

 

Objektbeschreibung:

 

Das Gebäude wurde im Jahre 1908 von dem Architekten F. Kemper errichtet. Bauherr war Gottlieb Sczepan für den „Alten ev. ostpreußischen Bauverein `Gott mit uns´ GmbH Herne“.

 

Bei dem Betsaal handelt es sich um einen Hallenbau mit Basilika-Querschnitt von 20 Metern Länge, 15 Metern Breite und 10 Metern Höhe aus schlichter, aber ansprechender Backsteinarchitektur und farbigen Industrieglasfenstern.

Das Gebäude wird von der nördlichen Giebelseite durch zwei seitlich angeordnete Eingänge erschlossen. Die Fassade wird hier durch zwei gekoppelte Drillingsfenster im Erdgeschoss, darüber zwei hohe Rundbogenfenster sowie eine runde Blendnische gestaltet. Darüber sitzt ein kreuzbekrönter Giebelreiter. Die östliche Außenwand wird durch Lisenen und Konsolgesimse gegliedert, die Fenster in Erdgeschoss und Obergaden sind auch hier rundbogig ausgeführt. Die westliche Wand Richtung Otto-Hue-Straße ist im unteren Bereich bis zur Traufe glatt verputzt und fensterlos. Die Obergadenwand entspricht der östlichen. Eine angebaute Garage gehört nicht zum Baudenkmal. Auch die südliche Rückseite des Baues, zum Hölkeskampring, ist vollständig verputzt und fensterlos.

Die Verglasung setzt sich aus Scheiben in jeweils hellem gelb, blau und rosa zusammen, die in vielfach unterteilten Stahlfenstern ohne konkretes Muster angeordnet sind. Im Inneren ist der Gebetsraum einer Basilika entsprechend in Haupt- und Seitenschiffe aufgeteilt. Die Schiffe werden durch schlichte, schmale hohe Stützen getrennt. Die Schiffe sind tonnengewölbt. Die Andachtsstätte besitzt aus der Erbauungszeit noch die nachfolgend beschriebene Kanzel, die zurzeit wohl nicht fest montiert ist. Wandfest erhalten sind eine Empore und ihre Treppe sowie die meisten Türen, insbesondere die Außentüren. Ein fast wandhohes Gemälde an der Chorwand im Süden prägt den ansonsten hell getünchten Raum. In das Gemälde integriert ist im oberen Bereich eine Skulptur Jesu. Ein östlicher Seitenausgang ist im Gebetsraum vorhanden.

Von der nördlichen Giebelseite führen die zwei seitlich angeordneten Eingänge in einen Vorraum von dem aus auch eine Treppe zur Empore führt. Der Vorraum ist durch eine Holzwand mit Fenstern und Türen vom Hauptraum getrennt. Auch die Empore ist mit dieser Konstruktion vom Kirchenschiff getrennt. Diese Trennwände sind vielleicht nachträglich eingebaut worden.

 

Denkmalwert ist der Betsaal im Inneren und Äußeren. Denkmalwert sind dabei ausdrücklich auch die Kanzlei aus Holz mit vergoldetem Kelch- Ornament, das Wandgemälde an der Altarwand mit Jesus-Skulptur nebst Begleitsprüchen, die Fenster sowie die Empore.

 

Begründung des Denkmalwertes

 

Das Gebäude ist bedeutend für die Stadt Herne, weil es ein seltenes Zeugnis der Zuwanderungsgeschichte einer bestimmten Bevölkerungsgruppe nach Herne ist. Für seine Erhalten und Nutzung liegen wissenschaftliche Gründe hinsichtlich der Sozialgeschichte und Architekturgeschichte des Ruhrgebietes vor. Der Betsaal macht aber auch volkskundliche Gründe für seinen Denkmalwert geltend.

 

Die Bedeutung für die Menschen in Herne liegt darin, dass sich seit den 1880er Jahren die aus dem südlichen ehemaligen Ostpreußen stammenden Masuren in großer Zahl im Ruhrgebiet niederließen, um hier in den Zechen und Hütten zu arbeiten. Die einstige Bevölkerung Masurens setzte sich aus altpreußischen Bewohnern sowie masowischen und deutschen Kolonisten zusammen, die unter der wechselnden Herrschaft des Deutschen Ordens, Preußens und Polen standen. Seit der Reformation waren sie überwiegend Lutheraner. Im Ruhrgebiet galten die Masuren – viel stärker als die Polen – als integrationsfähig.

 

Die Masuren in Herne hatten sich zwischen 1890 und 1910 gut vernetzt. Neben einem ostpreußischen Bauverein, einem Unterstützungsverein, einem Unterhaltungs- und Sparverein, einem Bergmanns- und Arbeiterverein gab es auch zwei Gebetsvereine, denn das religiöse Leben der Masuren entfaltete sich in privaten Gebetskreisen, die von Laienpredigern geleitet wurden.

 

Der „alte ev. ostpreußische Bauverein `Gott mit uns´ GmbH Herne ließ 1908 ein Wohnhaus mit Betsaal bauen. Bauherr war der Bergmann Gottlieb Sczepan, der auch Vorsitzender des „evangelisch-lutherischen Gebetsverein“ war. Der Herne Architekt Kemper entwarf eine turmlose Basilika von 20 Metern Länge, 15 Metern Breite und 10 Metern Höhe aus schlichter, aber ansprechender Backsteinarchitektur mit einem Dachreiter und farbigen Industrieglasfenstern. Der Dachreiter ist im zweiten Weltkrieg beschädigt und entfernt worden.

Die städtebauliche Wirkung war immer begrenzt, da klerikale Bauten „nichtstaatlicher Kirchen“ damals nicht direkt an Straßen entstehen durften.

In der so skizzierten und durch das Gebäude bezeugten Zuwanderungsgeschichte einer Volksgruppe nach Herne und in das Ruhrgebiet liegen auch die wissenschaftlichen Gründe für die Erhaltung und Nutzung des Betsaals.

 

Volkskundliche Gründe, Bräuche sprechen für die Erhaltung und Nutzung des Gebäudes hinsichtlich religiöser Gebräuche.

Der Betsaal bot 650 Plätze und ist entsprechend protestantischer Gewohnheit in schlichtem Weiß gehalten. Der Altarraum wird aber durch ein fast raumhohes, farbenfrohes Wandgemälde hervorgehoben. Es zeigt die Himmelfahrt Jesu und ist mit den Bibelsprüchen „Singet dem Herrn ein neues Lied“ und „Lobet ihm mit Posaunen, Psalter und Harfe“ versehen. Sechs Apostel weisen auf Jesus und bezeugten mit Schriftrollen, dass sie Jesu Wort verbreiten werden. Von der ursprünglichen Ausstattung ist noch eine Holzkanzel erhalten, die mit geschnitztem Weinlaub und vergoldetem Kelchrelief reich verziert ist. Mit der schmuckreichen Betonung des Altarbereiches unterscheidet sich die masurische Gestaltung von der westfälischen Auffassung des protestantischen Kirchenraumes deutlich. Der Betsaal diente von 1908 bis 2006 einer schwingenden masurischen Gemeinde. Vermutlich sind viele Masuren der Evangelischen Landeskirche beigetreten und haben dort zu der intensiven Diskussion um das Miteinander von Lutheranern und Reformierten beigetragen, die die heutige evangelische Kirche geprägt hat.

 

Im Anhörungsverfahren äußerten die Eigentümer zunächst Bedenken gegen die beabsichtigte Listeneintragung, die mittlerweile jedoch ausgeräumt werden konnten.


Da hier ein öffentliches Interesse hinsichtlich stadtgeschichtlicher, städtebaulicher, sozialgeschichtlicher, volkskundlicher und architekturgeschichtlicher Gründe besteht, und des weiteren wissenschaftliche Gründe in Bezug auf die Regional- und Wirtschaftsgeschichte sowie auf die Entwicklung der Arbeits- und Produktionsverhältnisse geltend zu machen sind, liegen die Voraussetzungen für die Eintragung in die Denkmalliste vor.

 

 

Der Oberbürgermeister

In Vertretung

 

 

 

 

Terhoeven

(Stadtrat)


Anlagen:

 

Anlagen:  
  Nr. Status Name    
Anlage 1 1 öffentlich Anlagen Eschstraße 18a (318 KB)      
Anlage 3 2 öffentlich Eschstraße 18 a (4715 KB) PDF-Dokument (2844 KB)    
Anlage 2 3 öffentlich Anlagen Düngelstraße 81 (325 KB)      
Anlage 4 4 öffentlich Düngelstraße 81 (515 KB) PDF-Dokument (478 KB)