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Herner Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung geht online

Nach der erfolgreichen Durchführung des Herner Protesttages zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung mit schätzungsweise 150 Beteiligten am 9. Mai 2019 sollte auch in diesem Jahr ein erneuter Prostesttag durchgeführt werden und zwar am 5. Mai 2020.

Das Organisationsteam des geplanten Aktionstages - Tobias Rahe von der Diakonischen Stiftung Wittekindshof sowie Kerstin Fischer-Friedhoff und Bärbel Schulte vom städtischen Inklusionsbüro - war mit seinen Planungen bereits weit fortgeschritten, als die Corona-Krise allen eine Strich durch die Rechnung machte.

So musste der Protestzug durch die Herner Innenstadt und das sich daran anschließende Programm leider abgesagt werden.

Damit der diesjährige Europäische Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung am 5. Mai 2020 nicht in Vergessenheit gerät, haben sich die Verantwortlichen für ein anderes Format entschieden. Der Protesttag geht in diesem Jahr erstmals online!

Anhand von Bild- und Textbeiträgen möchte das Team des Inklusionsbüros verschiedene Perspektiven zeigen, wie die Menschen mit Behinderung, die normalerweise in Voll- oder Teilzeit in den Werkstätten der wewole Stiftung beschäftigt sind, ihren Alltag in Zeiten von Corona meistern.

Neben all den Problemen, die die Corona-Krise besonders für Menschen mit Behinderung mit sich bringt und die von der Aktion Mensch in einer Pressemitteilung vom 30. April genauer konkretisiert werden, soll der Fokus auch auf die schönen und kreativen Ideen gelenkt werden, die zum Beispiel in den Einrichtungen der Diakonischen Stiftung Wittekindshof entwickelt und umgesetzt wurden.

Auch die Stadt Herne geht mit gutem Beispiel voran und hat bereits zu Beginn der Corona-Krise umfangreiches Informationsmaterial zur COVID-19-Erkrankung explizit für die Personengruppe der Menschen mit Behinderung auf der Internetseite der Stadt Herne, insbesondere auch in Leichter Sprache und Gebärdensprache, veröffentlicht.

Aktion Mensch warnt vor Ausgrenzung von Menschen mit Behinderung in der Corona-Krise

Die Aktion Mensch warnt vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie vor einer drohenden Ausgrenzung von Menschen mit Behinderung. Gerade in der aktuellen Krise zeigt sich, dass Inklusion in vielen Bereichen noch nicht funktioniert und Barrierefreiheit noch nicht erreicht ist.

Anlässlich des Europäischen Protesttages zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung am 5. Mai, bei dem zum ersten Mal seit 1992 Aktionen und Demonstrationen nicht im öffentlichen Raum stattfinden können, soll auf die aktuelle Problematik hingewiesen werden.

Laut Aktion Mensch offenbart die Corona-Krise viele Schwachstellen beim Thema Inklusion. Eine gleichberechtigte Teilhabe und Barrierefreiheit im Sinne der UN-Behindertenrechts-konvention dürfe gerade in einer gesellschaftlichen Ausnahmesituation nicht in den Hintergrund treten. Missstände, die in der Gesellschaft bei der Umsetzung von Inklusion vorhanden sind, werden durch die aktuelle Situation zum Teil noch verstärkt.

Dazu gehört etwa der mangelnde oder nicht barrierefreie Zugang zu Informationen über das Corona-Virus.

Die Diskussion über die Isolierung von Risikogruppen, zu denen Menschen mit Behinderung häufig gehören, kann zu zunehmender Ausgrenzung, Isolation und Diskriminierung führen.

Deshalb lautet die Forderung der Aktion Mensch, dass Menschen mit Behinderung nicht als vorwiegend schutzbedürftige Kranke gesehen werden dürfen, sondern als vollwertige produktive Mitglieder der Gesellschaft.

Viele Assistenz- und Pflegedienste, zu deren Klientel Risikopatient*innen gehören, klagen über fehlende Ausstattung mit Schutzmaterialien. Gerade im engen Kontakt ist diese Schutzausrüstung lebenswichtig.

Problematisch ist laut Aktion Mensch auch das Homeschooling für Kinder mit sonderpäda-gogischem Unterstützungsbedarf, da diese nicht die gleichen Bildungschancen hätten wie andere Kinder ohne Beeinträchtigung.

Aus Sicht der Aktion Mensch sollten die positiven Effekte der Krise genutzt werden, um Inklusion voranzutreiben: der Trend zur Hilfsbereitschaft und Solidarität sowie die erfolgreiche und kreative Nutzung digitaler Technologien etwa bei der Umsetzung von Homeoffice.

Auch wenn zurzeit ein Protesttag im öffentlichen Raum nicht möglich ist, findet dieser - auch in Herne - erstmals im digitalen Raum statt.

„Wir sind noch näher zusammengerückt“

Wittekindshof bietet Menschen mit Behinderung trotz Corona-Pandemie Abwechslung und Struktur

Herne (ACL). Familie und Freunde in den Arm nehmen, zur Schule oder zur Arbeit gehen, ein Café besuchen. Das wünschen sich die Menschen, die die Wittekindshofer Angebote in Herne nutzen, wie viele andere auf der Welt gerade auch.

Die Corona-Pandemie stellt den Alltag auf den Kopf. „Umso wichtiger ist es, dass wir für unsere Klienten nun Ersatzangebote schaffen und weiterhin feste Strukturen im Tagesgeschehen bieten“, sagt Tobias Rahe, der als stellvertretender Geschäftsbereichsleiter mitverantwortlich für die Wohnangebote der Diakonischen Stiftung in Herne ist. „Bastelangebote, Spaziergänge oder Gartenaktionen, kleine Konzerte – unsere Mitarbeitenden sind da sehr kreativ geworden, um den Menschen Abwechslung, Förderung und Spaß zu bieten.“

Reinemachen für Ranken

An den Hochdruckreiniger, fertig, los! Die unfreiwillige Freizeit haben Bewohner und Bewohnerinnen des Wittekindshofer Wohnhangebotes an der Vinckestraße dazu genutzt, um die Laubengänge wieder auf Vordermann zu bringen. Mit Hochdruckreiniger und Gartenhandschuhen ausgerüstet, haben etwa Fathi Sunay, Marcel Jansen und Markus Tunkel dafür gesorgt, dass die Bodenfliesen in den Laubengängen von Schmutz und Dreck befreit werden und wieder in hellem Grau erstrahlen.

  • Fathi Sunay, Marcel Jansen und Markus Tunkel sorgen dafür, dass die Bodenfliesen
    in den Laubengängen von Schmutz und Dreck befreit werden.

„So sind wir an die frische Luft gekommen und konnten den Grundstein für unsere nächsten Aktionen legen", sagt Dennis Rathmer, Bereichsleiter an der Vinckestraße. "Balkon grünt" nennt er das Projekt, das für sinnvolle Beschäftigung und Spaß sorgt. "Wir wollen den Bereich mit Ranken- und Kletterpflanzen verschönern", sagt Rathmer. So soll eine kleine grüne Oase entstehen.

Viel los auf dem Balkon

An Reisen in die Ferne ist kaum zu denken. Ein Trost ist es, wenn man die Sommerzeit im Garten oder auf dem Balkon verbringen kann. „Da geht es unseren Bewohnern wie vielen anderen auch: es ist einfach viel wert, an die frische Luft zu können, sich draußen zu entspannen oder zu bewegen“, sagt Thorsten Thieme, Bereichsleiter an der Burgstraße. Die Männer und Frauen, die in dem Wittekondshofer Wohnhaus an der Burgstraße leben, erfreuen sich an drei großräumigen Balkonen und einem Garten.

„Frühstücken auf Balkonien, Gemüse für den Garten“, zählt Thieme einige der Aktionen auf, die in den vergangenen Tagen und Wochen für Abwechslung an der Burgstraße gesorgt haben. „Natürlich ist die Situation nicht einfach. Infektionsschutz geht vor, deshalb müssen wir für Besucher alle Türen geschlossen halten. Aber bisher ist bei uns noch kein Lagerkoller eingetreten – wir sind eher noch näher zusammengerückt“, hat Thorsten Thieme festgestellt, „und die Mitarbeitenden geben richtig Gas und haben viele tolle Ideen.“

  • Musikalische Einlage auf dem Balkon: Christopher Richter am Keyboard.

Damit es auch auf den Balkonen grün wird, haben die Männer und Frauen eigene Hochbeete angelegt. Und Sven André Kämper, der die Wittekindshofer Angebote in Herne nutzt, hat dafür gesorgt, dass auch an Regentagen die Sonne an der Burgstraße scheint. Mit einem Pinsel zauberte er gelbe Sonnenstrahlen und eine bunte Blumenwiese an die Fensterscheiben des dreistöckigen Gebäudes. „Neben einem abwechslungsreichen Tagesablauf geht es uns aber auch darum, eine sinnvolle Beschäftigung anzubieten“, sagt Thorsten Thieme. Mitarbeitende nähten gemeinsam mit den Bewohnern etwa Mundschutze. „Und wenn uns doch einmal langweilig wird, schieben wir das Keyboard in den Garten oder auf den Balkon und musizieren drauf los.“

  • Mit einem Pinsel zaubert Sven André Kämper gelbe Sonnenstrahlen und eine bunte Blumenwiese an die Fensterscheiben.

Diakonische Stiftung Wittekindshof

Die Diakonische Stiftung Wittekindshof bietet für Menschen mit Behinderung in Herne und Oberhausen eine große Auswahl verschiedener Wohnformen. Die Angebote richten sich sowohl an Kinder und Jugendliche als auch an Erwachsene bis ins hohe Alter. Eine weitgehend selbständige Lebensführung ist ebenso möglich wie umfassende Intensivbetreuung. Dazu gibt es Wohnangebote an Burgstraße, der Vinckestraße, der Bielefelder Straße und dem Emsring. Für Frauen und Männer mit dem seltenen Prader-Willi-Syndrom (PWS) stehen kleine Wohngemeinschaften und Appartements an der der Mont-Cenis-Straße zur Verfügung. In Oberhausen können Betroffene ambulante Unterstützung in der eigenen Wohnung nutzen. Hinzu kommen Angebote für Menschen, die (noch) nicht arbeiten können. Sie helfen, den Tag sinnvoll zu gestalten. Das Kontakt- und Informationszentrum (KIZ) in Herne und die Sozialpädagogische Familienhilfe runden das Angebot ab.

2020-05-04