Rathaus Wanne - Die Historie

Verdächtiger Alkoholgeruch
1875 roch es in den Räumen des neu gegründeten Amtes Wanne verdächtig nach Alkohol, was jedoch nicht an den Trinkgewohnheiten der Beamten lag, sondern an ihrer Unterbringung. Mangels Alternativen befanden sich die Amtsstuben zunächst im Hause des Brennereibesitzers Hackert in der damaligen Bahnhofstraße (heute Hauptstraße), wurden aber nach kurzer Zeit provisorisch in vier Räume eines Hauses in der Viktoriastraße (heute ebenfalls Hauptstraße) verlegt. Besser so, als der dauernde Geruch nach Hochprozentigem. Noch in der Amtsversammlung am 5. November 1875 wurde daher der Bau eines Amtshauses beschlossen. Der Landwirt Langebeckmann zeigte sich großzügig, er spendierte ein Grundstück, das so genannte "Heitkamps Feld", das an der Kaiser-Wilhelm-Straße (heute Am Alten Amt) lag.

Das ewig-alte Problem: Zu wenig Platz
Schon 1876 begannen die Bauarbeiten, bereits ein Jahr später war das Gebäude bezugsfertig. Trotz eines Anbaus im Jahre 1901 erwies sich das Haus jedoch aufgrund der zunehmenden Bevölkerungszahl bald als zu klein, so dass im Jahre 1901 ein Neubau beschlossen wurde. Über die Platzfrage konnte allerdings erst im Jahre 1903 eine Stimmenmehrheit in der Amtsversammlung erzielt werden.

Zuvor war ein geeignetes Grundstück an der Schwerinstraße (heute Rathausstraße) gekauft worden, das dem Landwirt Nottebaum gehörte. Amtsbaumeister Otto Zahn fertigte den Plan so schnell, dass schon am 4. März 1903 mit den Ausschachtungsarbeiten begonnen werden konnte. Der Bau wurde in rekordverdächtiger Zeit hochgezogen: Bereits im November des folgenden Jahres war das Repräsentationsgebäude im Neu-Renaissance-Stil fertiggestellt.
Die feierliche Eröffnung fand am 19. Januar 1905 statt.

Trotz des enorm hohen Bautempos war das dreieinhalbgeschossige Gebäude mit U-förmigem Grundriss zu einem Schmuckstück geworden: Mit seinen Rundbogenfenstern, dem Balkon mit Balusterbrüstung über dem Portal, mit seinen geschweiften Giebeln und dem verspielten achtseitigen, kupfergedeckten Zwiebelturm erinnerte das Bauwerk einem Patrizierhaus. Das Innenleben präsentierte sich weniger barock: Neben einem Sitzungssaal, einem Komissions- und einem Beratungszimmer enthielt das Amtshaus unter anderem noch 61 Büroräume in drei Stockwerken, sieben Kellerräume sowie die Dienstwohnung des Amtshausmeisters.

Die Bewohner: Sekretäre, Langfinger und Gendarmen
Für Amtsdiener hielt das Rathaus besondere Annehmlichkeiten parat: Sie konnten nach getaner Arbeit ihren Gänsefederkiel auf dem Sekretär niederlegen, die Ärmelschoner abstreifen, in den Keller steigen und im Baderaum ein erfrischendes Vollbad nehmen oder sich unter eine der vier Brausezellen stellen. Da das neue Amtshaus in den ersten Jahren mehr Raum als für die Verwaltung benötigt bot, vermietete die Gemeinde im dritten Stockwerk Wohnungen an Amtsbeamte. Daneben beherbergte das heutige Rathaus auch weniger pedantische Nachtgäste, deren Bleibe mit schwedischen Gardinen ausgestattet war. Auf die Bösewichte in den sechs Gefängniszellen warfen die Gendarmen der ebenfalls im Rathaus untergebrachten Polizeiwache ein Auge.

Noch während des Baus des Amtshauses wurde zusätzlich ein Nachbargebäude errichtet, das in den folgenden Jahrzehnten zunächst der jeweilige Amtmann, danach der Oberbürgermeister und später der Stadtdirektor als Dienstwohnung nutzte. Für die verspielte Villa wurde im Mai 1904 die Bauerlaubnis erteilt, so dass Wannes erster Amtmann, Friedrich Winter, bereits 1905 einziehen konnte. Er teilte sich die Wohnlichkeit mit seiner Hausangestellten Amalie Appel.

Doch schon im Jahre 1919 ereilte das eigentlich geräumig gebaute Amtshaus das typische Amtshaus-Symptom: Es erwies sich als zu klein. So mussten, abgesehen von Diensträumen wie dem Schlachthof und der Garten- und Friedhofsverwaltung, die sich bereits außerhalb befanden, weitere Abteilungen anderweitig untergebracht werden. Die Platznot vergrößerte sich noch, als sich die Ämter Wanne und Eickel am 1. April 1926 zusammenschlossen und das Amthaus Wanne zum Rathaus der Stadt Wanne-Eickel wurde. Die Wirtschaftskrise Anfang der 30er Jahre machte die Pläne zur Errichtung eines Rathausneubaus zunichte. Im 2. Weltkrieg verursachten Bomben viele Schäden, die von der Kommune nach 1945 repariert wurden.

Das Kapitel Städte-Ehe
Ein ganz neues Kapitel begann dann aber für das Rathausgebäude mit den Plänen der Landesregierung, die Städte Wanne-Eickel und Herne im Rahmen der kommunalen Neugliederung des Ruhrgebiets am 1. Januar 1975 zu einer neuen Stadt Herne zu vereinigen. Der Januar 1975 war daher von eifrigen Umzugstätigkeiten der Beamten und Angestellten beider Stadtverwaltungen geprägt, da mit dem Jahreswechsel auch die einzelnen Behörden miteinander verschmolzen. So zogen unter anderem Rats- und Presseamt, Haupt- und Personalamt sowie das Schulverwaltungs- und Standesamt im Herner Rathaus ein, während das Sozialamt der Stadt Herne nun im Rathaus Wanne-Eickel untergebracht wurde.

In den folgenden Jahren veränderte sich das Umfeld des Wanne-Eickeler Rathauses im Zuge der Verlegung der Rathausstraße und des Neubaus des Gesundheitsamtes grundlegend. So musste im Herbst 1977 schließlich auch die alte Amtmanns-Villa weichen, um Platz zu schaffen. Der Anbau wurde am 1. Oktober 1980 offiziell seiner Bestimmung übergeben.

Am 3. Dezember 1985 beschloss der Hauptausschuss des Westfälischen Amtes für Denkmalschutz schließlich, das Rathaus Wanne-Eickel unter Schutz zu stellen. Am 12. Dezember erfolgte der Eintrag des Gebäudes in die Liste der Baudenkmäler der Stadt Herne.